EuGH-Urteil zur Arbeitszeiterfassung: Fußfesseln für Mitarbeiter – Nachrichten

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Der EuGH verpflichtet zur systematischen Erfassung der Arbeitszeit. (Foto: Shutterstock)

Der Europäische Gerichtshof verpflichtet Arbeitgeber künftig zur systematischen Erfassung der Arbeitszeiten. Aus New Work wird somit Dienst nach Vorschrift, meint t3n-Kolumnist Florian Nöll.

Eine Gewerkschaft zieht gegen eine Bank vor Gericht und am Ende steht das Urteil, dass alle Arbeitnehmer in Europa ihre Arbeitszeiten erfassen müssen. Egal, ob Banker, Krankenschwester oder Software-Entwickler.

Das Problem: Arbeitnehmer sind nicht alle gleich. Da sind die digitalen Nomaden, die in jeder Stadt zuerst nach dem besten Coworking-Space googeln, die Väter und Mütter, die morgens immer die ersten im Büro sind, damit sie ihre Arbeit schaffen, bevor die Kids aus der Schule abgeholt werden müssen. Oder die Nerds, die erst produktiv werden können, wenn sich das Büro in den Abendstunden leert.

Vertrauensarbeitszeit ist die Basis für Freiheit

Hinzu kommt eine steigende Zahl von Menschen, die gar keinen eigenen Schreibtisch mehr haben. Gerade erst hat der kalifornische Bezahldienst Stripe sein neues Entwicklungszentrum mit mehr als 100 Software-Entwicklern angekündigt. Das Novum: Dieses Zentrum steht nicht wie die existieren Büros in San Francisco oder Dublin. Dieses neue Zentrum ist rein virtuell. Wir alle gemeinsam profitieren davon, dass das Smartphone uns von unseren Schreibtischen entfesselt hat.

Flexibel von diversen Orten zu arbeiten ist eine Freiheit, von der immer mehr Arbeitnehmer profitieren, sofern ihre Berufe es hergeben. Auf den ersten Blick ist Vertrauen die Basis für diese Freiheit. Vertrauensarbeitszeit ist das präferierte Modell. Verkürzt steht es für das Vertrauen der Arbeitgeber, dass die vertragliche vereinbarte Leistung auch erbracht wird. Aber seien wir ehrlich: Arbeitgeber haben keine andere Wahl mehr, als zu vertrauen, wenn sie hochqualifizierte Talente gewinnen und binden wollen.

Und vielmehr als die tatsächlich geleistete Stundenanzahl interessiert eh die Leistung, die sich auch ohne Zeiterfassung umfassend messen lässt. Und deshalb ist die eigentlich Basis für flexible Arbeitsmodelle nicht Vertrauen, sondern Verantwortung. Verantwortung, die der Arbeitgeber nicht mehr umfassend tragen kann, weil er schlicht nicht mehr kontrollieren kann, wo, wie und wann ein einzelner Mitarbeiter arbeitet. Aus Verantwortung der Arbeitgeber wird zunehmend Eigenverantwortung der Arbeitnehmer, die der Europäische Gerichtshof dem Einzelnen nun wieder wegnimmt.

Aus New Work wird Dienst nach Vorschrift

Folgt die Bundesregierung bei der Umsetzung des Urteils der Denkweise des letzten Jahrhunderts, die das Gericht an den Tag gelegt hat, dann wird sie die Arbeitgeber verpflichten, für alle Mitarbeiter die Stempeluhr einzuführen. Wir müssen die ausbeuterischen Arbeitgeber in Ketten legen, ruft schon jetzt mancher Gewerkschaftsfunktionär und übersieht dabei, dass mit diesem Schritt in Wahrheit den Mitarbeitern ebenso Fußfesseln angelegt werden. Daran ändert auch die beste Zeiterfassungs-App nichts. Statt miteinander an einem Strang zu ziehen, werden Arbeitnehmer und Arbeitgeber wieder an ihre traditionellen Rollen erinnert. Aus Vertrauen wird wieder Kontrolle. Aus New Work der gute alte Dienst nach Vorschrift.

Dabei könnte Politik an dieser Stelle einmal zeigen, dass sie auf der Höhe der Zeit ist. Statt der Pflicht für die Arbeitgeber, Arbeitszeiten dokumentieren zu müssen, schafft eine echte New-Work-Politik das Recht für jeden einzelnen Arbeitnehmer, seine Arbeit dokumentieren zu dürfen. Der Arbeitgeber muss eine Lösung bereitstellen, die die Zeiterfassung jedem Angestellten ermöglicht. Es wäre der Weg, jedem Arbeitnehmer soviel Freiheit zuzugestehen, wie er oder sie sich selbst zutraut.

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