Arbeitszeiterfassung: Per Stechuhr in die 60er! – Nachrichten

0

Stechuhren: Arbeitszeiterfassung der 60er. (Foto: Shutterstock-ShutterPNPhotography)

Arbeitgeber sind künftig verpflichtet, die Arbeitszeit der Mitarbeiter komplett zu erfassen. Die Stechuhr lässt grüßen! Das EuGH-Urteil zeigt, wie rückwärtsgewandt noch immer über Arbeit nachgedacht wird. Ein Kommentar.

Eine Nachricht, die geradezu perfekt scheint, um die Geister einmal mehr zu scheiden: Laut einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) müssen Arbeitgeber die Arbeitszeiten ihrer Mitarbeiter künftig systematisch erfassen. Geklagt hatte eine spanische Gewerkschaft, die einen Ableger der Deutschen Bank verpflichten wollte, die Einhaltung der vorgesehenen Arbeitszeiten ihrer Mitarbeiter sicherzustellen. Eigentlich ein nobler Ansatz: Gibt es doch genug Unternehmen, die ihren Angestellten zwar 40-Stunden-Verträge ausstellen, sie aber 50 Stunden pro Woche arbeiten lassen. Und nicht wenige Chefs und Chefinnen geben jede Verantwortung ab, in dem sie Klauseln wie „Mit der Arbeitsvergütung sind etwaige Überstunden abgegolten“ in die Verträge schreiben. Klauseln, die rechtlich meistens überhaupt nicht zulässig sind.

Arbeitszeiterfassung: Stechuhren bringen uns nicht weiter

Ist dieser Vorsprung jetzt also ein großer Dienst für die Arbeitnehmerwelt? Auch wenn die Regelung vor allem für die Leute sinnvoll ist, die in miesen Jobs vom Arbeitgeber ausgenutzt werden, geht mir ein pauschales „Ja“ dennoch nicht über die Lippen. Denn das Urteil bedeutet auch, dass längst überwunden geglaubte Arbeitsmodelle wiedergeboren werden: Die berühmt-berüchtigte Stechuhr der durchbürokratisierten 60er-Jahre schien in Zeiten von New Work endlich überwunden. Heutzutage glauben moderne Unternehmen, die ihre Mitarbeiter als Teilhaber und nicht als bloße Arbeitskraft sehen, an fortschrittlichere Modelle: Die Vertrauensarbeitszeit ist ein emanzipierendes Instrument – für Mitarbeiter genauso wie für Arbeitgeber. Denn seien wir doch mal ehrlich: In der Welt der Wissensarbeit hat der 9-to-5-Job sowieso ausgedient.

„Wir sollten nicht die Arbeitszeit, sondern Ergebnisse kontrollieren.“

Wie oft sitzen Kopfarbeiter abends noch auf der Couch und überlegen sich, wovon das neue Newsletter-Layout noch profitieren könnte? Oder was eine Software leisten müsste, um festgefahrene Prozesse zu verschlanken? Wie oft surfen sie abends im Netz, stoßen auf einen spannenden Artikel und fangen sofort an darüber nachzudenken, wie das neu erworbene Wissen dem Team, dem Projekt oder der Firma als Ganzes zugutekommen könnte? Auf der anderen Seite passiert es regelmäßig, dass das Kind erkrankt und vom Kindergarten abgeholt werden muss. Oder dass die Bahn stecken bleibt und sich dadurch der Arbeitsbeginn nach hinten verschiebt. Diese Momente lassen sich nicht einfach per Stechuhr abschalten. Hier müssen sich Führungskräfte und Mitarbeiter unterstützen und sich sagen: „Easy, wir wissen, was wir aneinander haben!“

Zwei Dinge gehen mir im Kopf herum. Erstens: Der neue Zwang zur Zeiterfassung nimmt die guten Unternehmen in Sippenhaft. Der bürokratische Aufwand ist derzeit noch nicht überschaubar, aber er wird wieder einmal mehr dafür sorgen, dass die Zeit in Verwaltungsaufgaben anstatt Innovationen fließt. Zweitens: Das Urteil zeigt überdeutlich, wie wenig einheitliche Maßstäbe es noch immer neben dem reinen Zeitaufwand gibt, um Leistung zu bewerten. Arbeit muss endlich neu gedacht werden: Es passiert so viel Denkarbeit außerhalb des Büros und außerhalb des Acht-Stunden-Tages. Dieser Fakt lässt sich nicht in ein Korsett pressen. Diesem Fakt muss man mit höchstmöglicher Flexibilität begegnen. Wir sollten deshalb nicht die Arbeitszeit, sondern Ergebnisse kontrollieren. Stechuhren jedenfalls, helfen da überhaupt nicht.

Erfolgreicher im Job: 15 Apps, die im Berufs- und Privatleben helfen

Jobsuche: Die kostenlose Truffls-App für iOS und Android ist ein Tinder für Bewerber. Wer auf der Suche nach einem interessanten Job ist und fündig wird, swipt einfach nach rechts und schickt einen Lebenslauf ab. Antwortet das Unternehmen, kommt es zum Match. (Grafik: t3n / dunnnk)

1 von 15

Übrigens, auch dieser Beitrag könnte dich interessieren: Wenn am Donnerstag schon Freitag ist, dann hat der Arbeitgeber sich für die Vier-Tage-Woche entschieden. Lies auch: Vier-Tage-Woche – Unternehmer sprechen über ihre Erfahrungen

Share.

Leave A Reply