Martha Liebermanns Abschied vom Paradies

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Die Malerwitwe flüchtete 1943 vor der Verfolgung durch die Nazis in den Freitod. Jetzt hat ihr die Autorin Sophia Mott einen Roman gewidmet

Wurde die Protagonistin eines Romans nicht erfunden, sondern einem wirklichen Menschen nachgebildet, so ist es naheliegend, wenn diese Person im Buch auch gezeigt wird. Mit dem Porträt der Titelfigur auf dem Umschlag von Sophia Motts „Dem Paradies so fern: Martha Liebermann“ hat es aber eine besondere Bewandtnis. Es ist die briefmarkengroße Reproduktion des Gemäldes, das der schwedische Maler Anders Zorn 1896 von der Frau seines Berliner Kollegen Max Liebermann geschaffen hatte. Und mehr noch, es zeigt damit eines der beiden Werke aus dem Besitz Martha Liebermanns, mit deren heimlichem Verkauf Freunde in letzter Minute noch vergeblich versucht hatten, die vom NS-Regime verlangte „Reichsfluchtsteuer“ über 50 000 Schweizer Franken für ihre Ausreise nach Schweden oder in die Schweiz zusammenzubekommen.
Das zweite Gemälde zeigt Max Liebermann selbst, beide Werke hatte seine Tochter Käthe dem Helfer Edgar Baron von Uexküll als Dank geschenkt. Der hatte sie im November 1942 auf abenteuerliche Weise nach Schweden geschmuggelt, heute befinden sie sich im Besitz des dortigen Zornmuseet, im ehemaligen Haus des 1920 gestorbenen Künstlers.
Solche Details kann man in Biografien Max und Martha Liebermanns jederzeit nachschlagen. Aber es ist doch eine andere Erfahrung, eine andere Art der Imagination fremder Lebensläufe, ob man sie in der notwendig nüchternen Sprache eines wissenschaftlicher Akribie verpflichteten Biografen dargeboten bekommt oder in dem von solchen Beschränkungen freien, fantasie- und lebensvolleren Duktus eines Romans. Wie weit in diesem den Fakten Erfundenes hinzugefügt wurde, liegt dann in die Verantwortung des Autors oder in diesem Fall der Autorin.

Und damit will es Sophia Mott, deren Erstling über die Ehe von Elvira und Giacomo Puccini bereits zum Biografischen tendierte, sehr genau genommen haben. „Außer ein paar Nebenfiguren ist niemand erfunden“, versichert sie in einem persönlich gehaltenen „Epilog“. Doch Liebermann-Experten könnten die Stirn runzeln über einige künstlerische Freiheiten, die sie sich genommen hat: Die Vorstellung, Familie Liebermann im frühen 20. Jahrhundert in ihrem Rosengarten am Wannsee im Morgenmantel anzutreffen, ist vielleicht wirklich etwas gewagt.

Ein Spaziergang durch den Garten der Liebermann-Villa
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1 von 16Foto: Kitty Kleist-Heinrich

18.06.2014 13:37Ist das nicht schön hier? Ein Besuch der Liebermann-Villa am Wannsee lohnt sich immer. Herrlicher Garten, …

Gleichwohl ist Sophia Mott ein durchaus berührendes, trotz des bekannten tragischen Endes auch spannendes Buch über Martha Liebermann gelungen, das – der Titel greift hier etwas kurz – keineswegs nur deren letzte Lebensmonate in ihrer Wohnung in der Graf-Spee-Straße 23 in Tiergarten, der heutigen Hiroshimastraße, beschreibt. Geschildert werden auch die „paradiesischen“ Jahre und Jahrzehnte zuvor, an der Seite des gefeierten Malers, sei es in in der Villa am Großen Wannsee, Colomierstraße 3, die heute ein Museum ist und dessen berühmter Garten in wiedergewonnener Pracht blüht, oder in Liebermanns im Krieg zerstörten Wohnhaus am Pariser Platz 7. Es wurde im Jahr 2000 durch einen nach historischem Vorbild gestalteten Neubau ersetzt, auf dem Trottoir erinnert ein Stolperstein an Martha Liebermann.
Geschickt hat die Autorin die Gegenwart der von den Restriktionen der NS-Bürokratie zunehmend bedrängten, zuletzt, die drohende Deportation nach Theresienstadt vor Augen, in den Freitod flüchtenden Malerwitwe mit Rückblicken auf ihr Leben mit Max Liebermann verwoben. Sie wechselt dabei in den Zeitebenen hin und her, schafft so zugleich neben dem Porträt Martha Liebermanns auch eines von Max wie der von beiden durchlebten Zeit, vom kaiserlichen Berlin über das der Novemberevolution, der Weimarer Zeit bis zu der des „Dritten Reichs“, dessen Anbruch Liebermann zu seinem im Roman selbstverständlich zitierten Kraftwort veranlasst haben soll: „Ick kann jar nich so viel fressen, wie ick kotzen möchte.“

Ein bekanntes Detail aus seinem langen Malerleben, von anderen wissen eher Spezialisten, etwa dass der 1922 in der Grunewalder Koenigsallee ermordete Außenminister Walther Rathenau ein Verwandter Liebermanns war – allerdings nicht der Neffe, wie die Autorin schreibt. Vielmehr war Rathenaus Urgroßvater Joseph Liebermann zugleich Großvater des Malers.
Auch Rathenau war Berliner, wenngleich, glaubt man dem Buch, ohne die Neigung zu bodenständiger Artikulation. Liebermann dagegen, der reale wie die Romanfigur, berlinert derart, dass man sofort Durst auf eine Molle bekommt. Dem sollte man nicht nachgeben, denn auch Dienstboten, Taxifahrer und ähnliches Personal lässt die Autorin hemmungslos berlinern, wie man es hier schon lange nicht mehr vernimmt. Darauf immer eine Molle zu zischen, hätte fatale Folgen.

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