Kalifornische Nächte

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Straßenstaub und Großstadtglitzer: Bruce Springsteen widmet sein Album „Western Stars“ dem Edelpop der Sixties.

Das 19. Album von Bruce Springsteen näherte sich mit integriertem Frühwarnsystem seinem Veröffentlichungsdatum. Die Fans des „Boss“ sind in ihrem Weltbild gefestigt, auf Veränderungen müssen sie sehr behutsam vorbereitet werden. Wer es also noch nicht mitbekommen hat, trotz zwei eigentlich ganz schöner Vorabsingles – „Tucson Train“ und „Hello Sunshine“ – und einer PR-Kampagne, die mit therapeutischer Fürsorge „Ich versuche mal was Neues, aber sonst bleibt alles beim Alten“ buchstabiert: Bruce Springsteens „Western Stars“ ist sein erstes Soloalbum seit dem elegisch ledrigen „Devils and Dust“ von 2005. Richtig, die E Street Band ist diesmal nicht dabei. Und auch sonst ist hier mal gar nichts beim Alten. Aber das gilt gerade ja irgendwie auch für Amerika.

Springsteens Soloalben waren immer politische Kommentare

Springsteens Soloalben markierten stets kleinere Zäsuren: „Nebraska“, veröffentlicht 1982 kurz nach dem Antritt Ronald Reagans, die Outsider-Anthologie „The Ghost of Tom Joad“ als Zwischenfazit der Clinton-Jahre und eben „Devils and Dust“ zu Beginn der zweiten Bush- Amtszeit. Bilanzen eines politischen Klimas. Es lag nahe, „Western Stars“ als eine Replik auf Donald Trump zu verstehen. Die beiden Singles – prächtige Americana-Romantik, gebettet (in „Tucson Train“) auf sinfonischen Streichern beziehungsweise (in „Hello Sunshine“) als mit Pedalsteel-Farbtupfern ausgemaltes Airbrush – wirkten in ihrer Weltentrücktheit eher wie Teaser. Es ging zunächst darum, die Stammklientel auf die „Bacharachisierung“ des impressionistischen Rootsrocks einzustimmen.

Putzig wirkt die Kampagne schon, hört man die 13 Songs auf „Western Stars“. Bruce Springsteen wird natürlich auch in seinem 70. Lebensjahr kein Autotune verwenden (Neil Young hat etwas Ähnliches schon 1982 auf „Trans“ versucht). Und man sollte auch keine Yachtrock-Reminiszenten mehr erwarten, die nachgewachsene Epigonen wie War on Drugs inzwischen im Repertoire führen. Okay, auf „Western Stars“ ruht die Oasis-Gedächtnisballade „There Goes My Miracle“, die dritte Vorab-Single, auf einem Triphop-Backbeat. Doch abgesehen von der Zusammenarbeit mit Gitarrist Tom Morello auf „High Hopes“ (2014) will diese Musik gar nicht mehr über Springsteens eigenen Sozialisierungshorizont hinaus. Aus dem „Boss“ wird kein „Babo“ mehr.

California-Pop aus New Jersey

Nur wer sich in den vergangenen 30 Jahren mit nichts Anderem als dem Werk Springsteens beschäftigt hat, wird von „Western Stars“ sonderlich überrascht sein. Die 13 Songs bearbeiten thematisch vertrautes Terrain, musikalisch reist Springsteen ins Los Angeles der späten sechziger Jahre, wohin sich der damals schon nicht mehr so junge Bruce mit großen Augen verirrt hätte – auf der Suche nach seinem ganz persönlichen „Great American Songbook“.

Es ist die Ära kurz nach dem Ende des „Brill Building Pop“, als Songwriter Jim Webb dem apfelbäckigen Glen Campbell eine Reihe von schmeichelhaften Country-Pophits („Rhinestone Cowboy“) komponierte. Und ein Harry Nilsson den Autorenfolk aus dem Greenwich Village mit dem Fred-Neil-Cover „Everybody’s Talkin’“ popularisierte. So wie jetzt Springsteen sein Malocherethos von der Ost- an die Westküste transplantiert. Wobei auch das eine Mogelpackung ist: „Western Stars“ entstand großenteils im heimischen New Jersey.

Von der kalifornischen Hitmaschine, nur einen Steinwurf von der anderen Traumfabrik Hollywood entfernt, ist es ein weiter Weg bis zu dem hemdsärmeligen Amerika, das Springsteen in seinen Liedern besingt. Eine ähnliche Strecke legt auch „Western Stars“ in gut fünfzig Minuten zurück: Die Anstrengung, diese beiden Welten – den Staub der Straße und den Glitz der Metropole – zusammenzuführen, sind einigen Stücken deutlich anzuhören. Mühelos gelingt das im Titelstück über einen in die Jahre gekommenen Schauspieler, der seine Libido mit Viagra aufpäppelt und dessen größte Lebensleistung darin besteht, einmal vor der Kamera von John Wayne erschossen zu werden. 1A-Breitwand-Westcoastrock für die Verlierer des amerikanischen Traums. Auch der Protagonist von „Drive Fast (The Stuntman)“ hat schon bessere Tage erlebt. „I got pins in my ankle/ and a busted collar bone“.

Zuletzt trat Springsteen am Broadway auf

Springsteen, der im September seinen 70. Geburtstag feiert, befindet sich in einer Phase seiner Karriere, die zur Rückschau verleitet. 2016 erschien seine Autobiografie „Born to Run“, im Jahr drauf hatte er ein neunmonatiges Gastspiel am Broadway. Man kennt die Figuren dieser Springsteen-Schnurren zu Genüge, „Western Stars“ erweitert das Ensemble noch um ein paar Trucker, Hobos und Cowboys. „Chasin’ Wild Horses“ ist eine weltschmerzgetränkte Ballade, die so gar nichts mit der Cocaine-Cowboy-Nummer der Stones zu tun hat. In dem Moment, in dem auf „Western Stars“ die Welt zusammenzubrechen droht, schwellen die Streicher an.

Der erschöpfte Tonfall ist dann auch schon alles, was man über „Western Stars“ wissen muss, sucht man nach einem Kommentar zu Amerika. Den Namen „Trump“ braucht Springsteen jedenfalls nicht mal zu erwähnen. Dass er sich ein Amerika zurücksehnt, das sich nicht allzu gravierend von den Vorstellungen des Präsidenten und seiner Handlanger unterscheidet, ist eine Ironie, die ihm dabei entgangen zu sein scheint.

Das Versprechen von sonnenuntergangsschwangerem „Southern California Pop“ – so nennt er seinen Sound – löst Springsteen mit „Sundown“ ein, das tatsächlich den ganzen großen Burt-Bacharach-Zirkus auffährt. Wer aber etwas über das melancholische Katergefühl des „California Noir“ erfahren möchte, ist bei Lana del Rey doch besser aufgehoben.
„Western Stars“ von Bruce Springsteen erscheint bei Sony.

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