Einfach mal bescheuert sein

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Festivals sollten ein Ort der Freiheit sein. Doch immer mehr angehende Influencer sehen sie nur noch als Kulisse für Instagram-Beiträge. Eine Glosse.

Bald ist es wieder soweit. Dann sind nicht nur H&M und Primark voller Glitzer, Strass und Fransen, sondern auch Instagram. Karneval im Juni?, fragt man sich, oder doch schon Vorweihnachtszeit? Nicht ganz, aber ähnlich nervig: Festivalsaison. Dabei sind gar nicht die Festivals selbst so ätzend. Sondern das, was dort seit einiger Zeit Einzug hält: ihre „Coachellarisierung“.

Das Coachella ist eine jährlich in der Wüste bei Los Angeles stattfindende, riesige Musikveranstaltung mit Mainstream-Lineup, Ariana Grande, The Cure und die Red Hot Chili Peppers haben dort gespielt. Mehr als um die Musik geht es dort offenbar darum, möglichst viele geile Instagram-Posts zu produzieren. Dafür gibt es eine VIP-Area, fancy Essen und ein Riesenrad, vor dem sich unzählige echte Promis, Influencer und solche, die es werden wollen, zum Fotoshoot tummeln. Fast fünf Millionen Beiträge laufen auf Instagram unter dem Hashtag #coachella und zeigen braungebrannte junge Frauen mit lockigen Haaren, die milde lächelnd im Sonnenuntergang vor einem Riesenrad posieren.

Auch hierzulande scheint es vielen mittlerweile wichtiger zu sein, ihren Festivalbesuch möglichst instagrammable zu gestalten, als irgendeine Band zu sehen. Und so werden bald wieder die Bibis und Lenas mit ihrem perfektem Make-up perfekte Eiscremekreationen in Handykameras halten, verschweigend, dass diese längst voller Sand und nunmehr ungenießbar sind.  Sie tragen runde Sonnenbrillen, High-Waist-Hotpants und eben überall Glitzer. Den gibt es zwar mittlerweile in biologisch abbaubar, in Kombination mit dem Coachella-Einheitsstyle hinterlässt er trotzdem seine unangenehmen Spuren in der Festivalnatur. Veranstaltungen wie das Lollapalooza in Berlin dienen beinahe nur noch als Kulisse für Instagram-Beiträge. Neben einer „Funfair“ mit Riesenrad gab es dort letztes Jahr Installationen mit bunten Fransen, Spiegeln und Mustertapeten – und natürlich Wi-Fi.

Dabei sollte ein Festival doch ein Ort der Freiheit sein, einer, an dem es weder Handyempfang noch Dresscodes gibt. Eine Flucht aus dem Alltag. Einfach mal bescheuert sein und auch so aussehen, nicht duschen, kalte Dosenravioli und Bier aus Plastikflaschen zum Frühstück.

Als ich 2008 das erste Mal bei „Rock am Ring“ war, wurden meine beiden Freundinnen und ich auf dem Zeltplatz von MTV gefilmt. Wir waren 18, trugen Haarbänder (wegen der seit drei Tagen ungewaschenen Haare), riesige Sonnenbrillen (wegen der Augenringe) und pinke Regencapes (wegen des Regens), die wir von einem T-Mobile-Werbestand auf dem Festivalgelände geschenkt bekommen hatten. Wir sahen unmöglich aus. In dem Beitrag, der später im Fernsehen lief, bezeichnete Moderator Markus Kavka uns als „pinke lebende Riesenkondome“. Und bis heute ist das nicht nur das Highlight meiner Fernsehkarriere, sondern auch meine schönste Festivalerinnerung.

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