Die erste OB-Stichwahl, bei der ein AfD-Bewerber Siegchancen hat

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Sebastian Wippel oder Octavian Ursu: die Oberbürgermeister-Stichwahl wird weit über Sachsen hinaus gespannt verfolgt – bis nach Hollywood.

Die Gemeinheit ist nicht auf den ersten Blick zu erkennen. „Sebastian Wippel – ein Görlitzer“ steht auf dem Wahlplakat des AfD-Kandidaten. Wippel will Oberbürgermeister der ostsächsischen Grenzstadt werden, insofern wirkt der Hinweis seltsam überflüssig. Erst wenn man seinen Gegenkandidaten kennt, erschließt sich die Anspielung. Der Christdemokrat Octavian Ursu lebt und arbeitet seit drei Jahrzehnten in Görlitz; geboren aber ist er in Bukarest. Auf Ursu ruhen am Sonntag mindestens so viele Hoffnungen wie auf seinem Gegner, und das weit über die Stadtgrenzen hinaus. Die erste deutsche OB-Stichwahl, bei der ein AfD-Bewerber Siegchancen hat, löst angespannte Aufmerksamkeit in Dresden, Berlin und selbst in Hollywood aus.

Dabei sollte man eigentlich denken, dass die Sache gelaufen ist. Wippel, ein 37-jähriger Polizeikommissar und Landtagsabgeordneter, hatte den ersten Durchgang am Europawahltag mit 36,4 Prozent der Stimmen klar gewonnen. Der 51-jährige Ursu kam als Zweiter auf 30,7 Prozent, die Grüne Franziska Schubert auf 27,9 Prozent. Schubert zog danach zurück. Ebenso wie ihre Unterstützer von der lokal starken Wählervereinigung „Bürger für Görlitz“ lobt sie jetzt Ursu als Gleichgesinnten und bittet, in der Stichwahl „für Weltoffenheit und eine freundliche Europastadt“ zu stimmen.

Deutlicher zu werden ist nicht nötig, scheint aber auch nicht angeraten. In der Stadt an der Neiße, über die zwei Brücken nach Polen führen, hatte die „Alternative“ schon bei der Bundestagswahl ein Drittel der Wählerschaft hinter sich. Ihr Kandidat Tino Chrupalla jagte dem späteren Ministerpräsidenten Michael Kretschmer das Direktmandat ab. Falls Wippel als Chef ins Rathaus einzieht, gibt es in der AfD Erwägungen, die Signalwirkung zu nutzen und mit dem zweiten Görlitzer Chrupalla als Spitze in die Landtagswahl am 1. September zu gehen.

Warnung aus Hollywood

Umso inständiger hoffen Kretschmer und CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer, dass das Signal ausbleibt. Direkt mit dem AfD-Mann anlegen wollen sie sich aber nicht. Auch ihr Hoffnungsträger Ursu plakatiert nur verhalten „Vernunft wählen“. Wippel ist kein einfacher Gegner. Der AfD-Mann gehört nicht zum Rechtsaußen-„Flügel“ der Partei, sondern kommt als besorgter Konservativer daher, der doch bloß „sichere Grenzen statt grenzenloser Kriminalität“ wolle.

In dieser diffizilen Lage war der offene Brief von drei Dutzend Film-Promis an die Görlitzer vielleicht keine so gute Idee. Die Hollywood-Produzenten und Schauspieler warnten, die historische Altstadt werde bei Filmemachern nicht mehr so gefragt sein, wenn die Stimmung in „Hass und Fremdenfeindlichkeit“ umschlagen sollte. Wippel versicherte daraufhin, Görlitz werde „Europastadt“ bleiben. Außerdem brauchten die Bürger keine Ratschläge von außen.

Besonders glaubwürdig wirkte die Boykottdrohung ohnehin nicht. So eine schöne Filmkulisse findet sich nicht leicht. Von einem der letzten Drehs prangt sogar noch eine Wahlempfehlung an einer Mauer. Sie kommt allerdings ein Jahrhundert zu spät: „Wählt Thälmann!“

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