Der Volksbühnengeruch kehrt zurück

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Team oder Kollektiv, von solchen Begriffen will der künftige Intendant der Volksbühne nichts wissen. René Pollesch setzt auf Autonomie – und gute Bekannte.

Eine Gang übernimmt das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz, ein klarer Fall von Organisierter Kreativität. Ihr Anführer heißt René Pollesch, 56 Jahre, mit Hang zum Berufsjugendlichen, ein international bekannter Theatermacher, der seinen künftigen Dienstherrn anredet mit „Vielen Dank, lieber Klaus“. Pollesch tritt zur Spielzeit 2021/22 die Intendanz der Volksbühne an.

Der Name war bereits vor Wochen durchgesickert. In Berlin kann man sich auf Gerüchte verlassen. Am Mittwochmittag hat es Berlins Kultursenator Klaus Lederer von der Linkspartei im Roten Salon offiziell verkündet: René Pollesch soll den „sozialen Organismus Volksbühne“ pflegen, als Ensemble- und Repertoiretheater. Er bekommt einen Fünfjahresvertrag mit einem Vorbereitungsetat von 850.000 Euro. Das entspricht den Gepflogenheiten des deutschen Theaterbetriebs, der an der Volksbühne allerdings nie ein gewöhnlicher war und das auch unter den vermeintlich neuen Vorzeichen nicht sein wird.

Die kommenden zwei Jahre aber noch wird Klaus Dörr die Volksbühne als Intendant führen. Klaus Lederer spricht ihm, bevor er zum Eigentlichen kommt, seinen Dank aus – dem „Retter in der Not nach dem Debakel mit Dercon.“ In der Tat, Dörr hat das Haus konsolidiert, den Laden wieder zum Laufen gebracht. Und dann kann er und will er auch gehen. Mit Pollesch und Co. kommt er nicht zurecht. Oder wie Lederer es kalt lächelnd ausdrückt: „Wer mal Bundeskanzler war, wird nachher nicht Finanzminister.“ Wer bei Pollesch, der nie ein großes Haus geleitet hat, nachher die Geschäfte führt, ist noch nicht bekannt.

Ein Jahr lang habe er sich intensiv mit vielen Menschen beraten, wie es weitergehen könne mit der Volksbühne. Manch ein Kritiker habe ihm das als Zögern und Zaudern angekreidet, aber diese Zeit sei nötig gewesen für Gespräche und Konsultationen. Mehrmals verweist Lederer auf den „Volksbühnenkongress“ vor einem Jahr in der Akademie der Künste – als sei mit diesem Hearing irgendein politisches Mandat verbunden. Lederer legt Wert auf eine gewisse Transparenz seiner Entscheidung, die er letztlich allein fällen und verantworten muss. Das kann er: seine Politik lässig verkaufen. Seine Klientelpolitik. Denn erst einmal sind jetzt die Anhänger der alten Castorf-Zeiten glücklich. Mehr Volksbühnengeruch als bei Pollesch ist nirgendwo zu haben.

Auch wenn er sagt: „Ich bin nicht das Trojanische Pferd für die alte Volksbühne.“ Da kommt schon etwas mächtig zurück. Auch wenn er er in einem Positionspapier schreibt, das auf der Pressekonferenz verteilt wurde: „Ich bin ganz klar von Castorf zu unterscheiden.“

Einen Pollesch erkennt man sofort

Diesen Text mit dem Titel „Tous Ensemble“ (Alle zusammen) liest er den Journalisten vor, „mein Bewerbungsschreiben“. Es ist der typische Pollesch-Sound, diskursiv und unterschwellig aggressiv mit schönen Pointen, eine Hommage an die eigene Arbeit, die sich in Stücken wie „Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!“, „ I love you, but I’ve chosen Entdramatisierung“ oder „Cry Baby“ ausdrückt. Darin tackert er Theorie und Beziehungsvokabular mit Popgeschichtsmodulen und Selbstbespiegelungsarien zusammen, stets mit Entertainmentqualitäten. In Wien hat er für seine jüngste Produktion „Deponie Highfield“ täuschend lebensechte Lippizaner-Pferde auf die Bühne gestellt. Die Spieler kommen in Cowboy-Klamotten, dazu läuft Musik aus dem Western-Klassiker „Die glorreichen Sieben“.

Einen Pollesch erkennt man sofort. Das kann natürlich auch ein Problem sein, Fluch und Lust der ewigen Wiederholung. Und was sich da wiederholt, ist die Suche nach einer Unschuld, einem Jungsein, als das, was heute nur noch noch ironisch angefasst werden kann, direkt zu genießen war: Liebe und Ausgelassenheit und Freiheit ohne Zwang. So produziert er seine durchaus sentimentalen Texte am Fließband.

Pollesch also, einer der führenden Künstler der Castorf-Jahre, wird Intendant, denn „es fehlt in Berlin ein Haus, das von einem Autor geleitet wird, mit dem auch eine bestimmte Arbeitspraxis verbunden ist“. Und: „Das postdramatische Theater, zu dessen wichtigen VertreterInnen ich gehöre, ist eigentlich eine Brecht-Dramatik ohne Brecht.“ René Pollesch und der „liebe Klaus“ sprechen prononciert mit Gender-I, von „Schauspieler Innen, BühnenbilnderInnen, TrägerInnen, ZuschauerInnen“.

Pollesch ist der Chef. Die anderen sind der „Arbeitszusammenhang“. Von Begriffen wie Team oder Kollektiv will er nichts wissen. Auch wenn er berühmte Akteure wieder fest ans Haus holt: Kathrin Angerer, Fabian Hinrichs, Martin Wuttke. Und ab 2022 auch Sophie Rois. Wuttkes Name fällt häufig in Polleschs Überlegungen. Wuttke soll einen „Arbeitszusammenhang“ mit Duo Ida Müller und Vegard Vinge herstellen. Die beiden installieren sich gleichfalls an der Volksbühne, im großen Haus. Auch der Prater in der Kastanienallee, den Pollesch einmal geleitet hat, wird wieder bespielt. Müller/Vinge zeigten dort ihre verrückt-brutalen Marathonperformances. Ida Müller soll, wie einst Bert Neumann bei Frank Castorf, Ausstattungsleiterin der Volksbühne werden. Alte Muster, neue Namen.

Es geht doch um eine klare Corporate Identity. Auch wenn Pollesch die traditionellen „Arbeitszusammenhänge“ gelangweilt von sich weist. Ein wenig erinnert die Szenerie an Coppolas „Godfather“, die große Mafia-Saga. Berlin und der Rest der Theaterwelt wird also nun Teil II und vielleicht auch Teil III des „Paten“ erleben, Pollesch liebt Filmstoffe. Es findet eine Besetzung der Volksbühne statt, diesmal mit legalen Mitteln und im Auftrag des Senats.

Volksbühne für die freie Szene öffnen

Da ist Pollesch politisch ähnlich geschickt wie Lederer. Er will die Volksbühne für die freie Szene öffnen. Auch mit der Truppe, die das Haus im September 2017 zu Beginn der kurzen Dercon-Intendanz eine Woche lang besetzt hielt, sei er in ständigem Austausch. „Sisters & Brothers in crime“, so nennt Pollesch seine Protagonisten. Für sie gilt: „Das autonome Zusammenarbeiten mehrerer, die Autonomie nicht hermetisch denken, ermöglicht, dass sich Theater nicht dem Befehle der Alleinherrschaft der Regie über eine Produktion oder gar ein ganzes Theater unterwirft.“ In Polleschs Übersetzung heißt der Satz: „Autoren und Schauspieler machen das Theater. Die Regisseure muss man weglassen.“

Noch einmal wird der Alte vom Berliner Ensemble bemüht: „Brecht rät allen Schreibenden, Intendantin oder Intendant zu werden.“ Sonst würde eben doch wieder nur „Don Carlos“ gespielt. Auf so genannte Klassiker hat Pollesch keine Lust, nur gelegentlich mal ein Molìere als Komödienfolie.

Ein Theater der Autoren hat auch Intendant Oliver Reese im Sinn. Nur vertritt Pollesch einen völlig anderes Autorenverständnis. Er ist derjenige, der seine Stücke auf die Bühne bringt, im gerühmten „Arbeitszusammenhang“ mit den Schauspielern und Schauspielerinnen. Andere Regisseure lässt er kaum an seine Text heran, die bisher auch nur dann funktionieren, wenn Pollesch dabei ist. Daraus schließt er: „Die Volksbühne ist prädestiniert für SpielerInnen, die Verantwortung übernehmen, das ist der einzig gültige Sexappeal.“ Und sexy soll die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz auf jeden Fall wieder werden – „dass es immer geil ist, wenn man da hingeht.“

Lederer gefällt das. Zwei haben sich gefunden

Polleschs Theater, das er in Berlin zuletzt am Deutschen Theater gezeigt hat, weil er wegen Dercon die Volksbühne nicht mehr betreten wollte, ist immer Kopfkino. Nach radikal-fröhlichen Anfängen („Stadt als Beute“) machen es sich seine Leute jetzt auf der Bühne gemütlich und parlieren in endlosen Pollesch-Schleifen und -Girlanden über das Theater selbst. Darin steckt der Einfluss des Gießener Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft, wo Pollesch von 1983 bis 1989 studiert hat. 2001 gewann er mit „world wide web-slums“ den Mülheimer Dramatikerpreis. Seither inszeniert er an fast allen wichtigen Bühnen des deutschsprachigen Raums. So soll es bleiben. Intendant Pollesch will pro Spielzeit an der Volksbühne zwei Stücke selbst herausbringen und ein Stück anderswo inszenieren. Ein strammes Programm.

„Repräsentation“ ist ein Wort, das man bei ihm stets antrifft in den Texten, auch in seinem dreiseitigen Arbeitsmanifest: „das Problem von Sexismus und Rassismus heißt eigentlich Repräsentation“. Lederer gefällt das. Zwei haben sich gefunden, auch wenn Pollesch sagt, es sein nicht unbedingt sein Ziel gewesen, Intendant zu werden.

Nun aber müsse er „Verantwortung übernehmen“. Für den linken Kultursenator stellt Pollesch einen Glücksfall dar. Lederer kann mit dieser Personalentscheidung ein Versprechen einlösen, das er 2016 im Wahlkampf abgegeben hat, lange bevor er Senator wurde. Unbedingt wollte er damals das Engagement von Chris Dercon an der Volksbühne rückgängig machen.

Lederers Kulturpolitik trägt ausgesprochen konservative Züge. Erst vor wenigen Tagen hat er Daniel Barenboims Ewigkeitsvertrag an der Staatsoper verlängert. Keine Experimente Unter den Linden – und an der Volksbühne ein Experiment, bei dem die meisten Beteiligten gute alte Bekannte sind. Begrenztes Risiko. Auch wenn Pollesch schreibt: „Was man fortsetzen kann an der Volksbühne, ist, weiterhin nicht alles richtig zu machen.“ Und gleich kommt wieder eine vollmundige Nebelkerze: „Ich sehe mich in einer Tradition von Brechts Lehrstück, allerdings in einer Variante mit Publikum, aber weiterhin ohne Repräsentation.“

Weiterhin in die Zukunft, über die Vergangenheit. Wie zwei, die schon durch Dick und Dünn gegangen sind, sitzen Pollesch und Lederer auf dem Podium. Pollesch muss dann auch noch mal dem früheren Kulturstaatssekretär Tim Renner ein paar Tritte mitgeben, der Dercon verpflichtet hatte. Das Nachtragende gehört zur Volksbühnen-DNA.

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