Die Analyse von Graffiti hilft, den ägyptischen Aufstand von 2011 zu verstehen.

Wie werden die Demonstranten dargestellt, die im Zusammenhang mit dem ägyptischen Aufstand von 2011 getötet wurden? Eine religionswissenschaftliche Arbeit hat gezeigt, dass eine Analyse der kulturellen Produktion rund um die Proteste 2011 in Kairo und deren Folgen – darunter Graffiti und Wandmalereien – zum Verständnis des Aufstands beitragen kann.

In ihrer Dissertation analysierte Giulia Giubergia den kulturellen Output in Form von Graffiti, offiziellen Denkmälern und den Jubiläumsfeiern zum Gedenken an die Demonstranten, die bei der Konfrontation mit der Polizei und dem Militär an öffentlichen Orten im Zentrum von Kairo nach dem Aufstand im Jahr 2011 starben.

„Durch die Untersuchung dieser Art von Material kann man Licht in die vielfältigen und manchmal widersprüchlichen Erzählungen über den Aufstand bringen, die an den Wänden, Straßen und Plätzen der Innenstadt von Kairo produziert und reproduziert wurden“, sagt Giulia Giubergia.

Studien im Bereich der Kultursoziologie der Religion, wie diese These, sind in der religionswissenschaftlichen Forschung nicht üblich. Sie zielen darauf ab zu untersuchen, wie die Grenze zwischen dem Heiligen und dem Profanen in verschiedenen soziokulturellen Kontexten gezogen wird, und in dieser Arbeit wird das Konzept des „Heiligen“ verwendet, um den Kampf um die symbolische Bedeutung des Aufstandes in Kairo zu analysieren und zu verstehen.

Die Arbeit beschreibt die Entwicklung Kairos und seiner Innenstadt, insbesondere den Tahrir Square, die Mohammad Mahmoud Street und die Yussef al-Gendy Street.

Porträtierte Märtyrer

Giulia Giubergia analysiert, wie Menschen, die bei den regierungsfeindlichen Demonstrationen ums Leben gekommen sind, an den Mauern von Kairo dargestellt und dargestellt wurden. Opfer wie Belal Ali Gaber werden als Engel – Symbole der Unschuld – dargestellt und in eine breitere martyrologische Erzählung integriert.

Die martyrologische Erzählung, die sich auf die Menschen bezieht, die als unschuldige Opfer des Aufstandes gestorben sind, ist nicht typisch für sunnitische muslimische Märtyrergeschichten, die häufiger Märtyrer als aktive Kämpfer präsentieren, die die Waffen greifen und für die Integrität der Gemeinschaft und die Verteidigung des Glaubens kämpfen.

Durch die Analyse einer Vielzahl von Graffiti und Wandmalereien, die mehrfach übermalt und modifiziert wurden, ist es möglich, die Veränderungen im politischen Klima in Ägypten zwischen Anfang und Ende 2012 aufzuzeigen. Die Veränderungen in der visuellen Darstellung der Märtyrer spiegeln laut Giulia Giubergia einen breiteren politischen Wandel im Land wider.

„Der Vergleich zwischen Port Saids Märtyrern, die als lebendig, lächelnd und mit bunten Engelsflügeln dargestellt werden – und einem späteren Porträt von vier weiteren toten Märtyrern mit blutigen, geschwollenen Gesichtern und dunklen, fast nicht erkennbaren Flügeln – ist bezeichnend. Das Graffiti, das die toten, entstellten Märtyrer darstellt, wurde im November 2012 gemalt, als die Präsidentschaftswahlen vor der Tür standen. Die Verwendung brutaler, expliziter Bilder des Todes ist eine Möglichkeit, ein Gefühl der Verantwortung und Schuld dafür zu wecken, dass man angesichts von Gewalt passiv ist und die heiligen Werte, für die die Märtyrer gestorben sind, nicht verteidigt – sowohl bei Passanten als auch bei einem breiteren Publikum, das das das Gemälde in sozialen Medien und in journalistischen Berichten betrachtet.

Feministische Agenda

Giulia Giubergia betrachtet auch Graffiti von Women on Walls, einer Gruppe, deren Graffiti eine feministische Agenda auf den Straßen Kairos hervorhebt, und untersucht auch den Streit darüber, wer die Erlaubnis hat, Wandmalereien auf den Straßen Kairos zu malen und so die Erinnerung an den Aufstand zu bewahren, insbesondere an Orten, die als heilig angesehen werden.

Eine weitere Sache, die in der Arbeit analysiert wird, ist der Bau und die Zerstörung eines Denkmals für die Märtyrer auf dem Tahrirplatz.

„Es ermöglicht eine sehr konkrete Analyse, wie kollektive Erinnerungen nicht immer von allen oder unmissverständlich geteilt werden, sondern von Streitigkeiten und Konflikten heimgesucht werden können. Die Analyse des Tahrir-Platzes zeigt auch die symbolische Bedeutung, die die Besetzung staatlich dominierter Orte für Gruppen in untergeordneten Positionen einer Gesellschaft hat – in diesem Fall die Demonstranten. Die Wiedereinsetzung des Platzes als offener Raum für alle hat Auswirkungen auf die Darstellung des Aufstandes gehabt, auch wenn der Tahrirplatz seit 2014 wieder ein staatlich dominierter Ort ist“, sagt Giulia Giubergia.

Durch die Kombination von Analysen von Bildern, Symbolen, Erzählungen, Erinnerungen und Orten, diese These hat zum Ziel, zu zeigen, wie die Positionen der verschiedenen Kollektive sind abgegrenzt und herausgefordert im Zusammenhang mit einer Zeit der sozialen Unruhe, Transformation und Überprüfung.

Teilen Ist Liebe! ❤

tekk.tv

Lange Zeit war Paul Florian in der TV-Branche tätig. Schon immer gab es eine Schublade voller Handys (und später Smartphones) in seiner Wohnung. Als Online-Redakteur hat der Nerd in ihm diese Schublade nun für Tekk geöffnet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

shares