Wir schauen nicht weg

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Welches passiert, wenn ein Täter seine Morde live im Netz überträgt? Nicht mehr da gucken hin. Hier macht uns dies zu Komplizen in einem Krieg, in dem die Bilder wichtiger geworden sind denn die Todesopfer.


Es geht damit los, dass die Tat von Christchurch kein Amoklauf war. Wer Amok läuft, rast blind vor Wut und handelt im Regung. Selbst war es kein Attentat im herkömmlichen Sinn. Dies Attentat ist ein Attentat uff politische Funktionsträger, mit dem vor allem deren Unterprogramm getroffen werden soll. Welches in Christchurch sein Gesicht gezeigt hat, weil dies Video, dies welcher Massenmörder selbst streamte, durch die Welt geisterte und noch immer geistert, ist eine gründlich neue Qualität von Terror: dies gestreamte Ein-Mann-Massaker eines ideologischen Influencers.

Neu ist, dass die eigentlichen Todesopfer im Grunde zweitrangig sind. Es muss sie verschenken. Sie nach sich ziehen Namen, Geschichten, Verwandtschaft. Und doch sind sie, so zynisch dies klingt, im Strategie welcher Täter nur Abrieb – welcher beim Versuch entsteht, die Macht welcher Bilder uff die Straße und damit in den globalen Umwälzung zu schaffen. Pro den Politologen Herfried Münkler “stellt der Terrorismus eine Form der Kriegsführung dar, in welcher der Kampf mit Waffen als Antriebsrad für den eigentlichen Kampf mit Bildern fungiert”.

Wirkmächtig waren ebendiese Bilder seit alters. Bilder von welcher Mord Caesars, dem Fenstersturz von Prag oder welcher Wanne des Jean Paul Marat existierten zwar nur in den Köpfen welcher Zeitgenossen oder Nachgeborenen. Dort dagegen wirkten sie, wie später ebenso die zur in der Mitte gelegenen Nase hin vermittelten, dagegen schon echten und ebenso bewegten Bilder vom offenen Lincoln in Dallas, Anwar as-Sadat im Kugelhagel seiner Tribüne in Kairo oder dem zertrümmerten Mercedes des Alfred Herrhausen.

Mittlerweile dagegen hat es eine Verschiebung gegeben. Die Passagiere welcher Landshut uff dem Rollfeld von Mogadischu waren 1977 noch Geiseln, die man erlösen konnte. Die Passagiere welcher Flugzeuge vom 11. September 2001 waren im Grunde schon tot, denn sie am Flughafen eincheckten – nur noch Komparsen in welcher Inszenierung eines Schreckens, welcher seine Wucht aus möglichst gewaltigen Bildern bezog.

Neu ist, dass nicht nur die Mittel zur Herstellung von Bildern, echten, ebenso bewegten, in den Händen des Einzelnen liegt. Selbst ihr Vertrieb ist ein Kinderspiel. Wo welcher IS, dies große Vorbild im Produktionsdesign des Grauens, noch eine eigene Division unterhielt, macht welcher Täter neuen Typs mit modernen Waffen und modernen Kameras die Gesamtheit nur. Dies Medium, in dem er sich radikalisiert hat, ist zusammen dies Medium zur globalen Verbreitung welcher Tat.

Eine Zensur ist nicht möglich, eine mächtigere Waffe im “Krieg der Bilder” nicht möglich. Seinesgleichen signalisiert welcher Täter, dass hier einer “endlich mal handelt”, statt nur in Foren darüber zu schwadronieren. Und in die Welt hinaus sendet er die ungebremsten Schockwellen des Schreckens. Dieser moderne Massenmörder von Christchurch darf Drehbuchverfasser, Regisseur, Hauptdarsteller und Cutter seines eigenen Films sein. Er arrangiert sogar den Soundtrack.

Zwecklos, neuen Medien wie Facebook oder Twitter die Distribution zu zensieren. Im Vorfeld die Unternehmen dies 17-minütige Snuff-Video gelöscht nach sich ziehen, ist es schon andernorts wieder hochgeladen. Wer es sehen will, kann es sehen. Denn vor allem heiße Ware dürfte es dort “viral gehen”, wo man die “Call Of Duty”-Optik schätzt und Filme von Enthauptungen und Vergewaltigungen ohnehin hoch im Weg stillstehen. Genau dort, wo es eintrudeln soll. In Echtzeit.

Besinnungslose Erregungsleiter

Umso zweckloser ebenso, nun die angebliche Wächterfunktion alter Medien zu hexen. Wächter waren sie im Ernstfall nie, sondern besinnungslose Erregungsleiter, Transmissionsriemen zwischen welcher Tat und welcher vom Täter erhofften Wirkung. Hätte sich Gavrilo Princip 1914 wohnhaft bei seinen Schüssen uff den österreichischen Thronfolger selbst filmen können, die entsprechenden Statuen wären tags darauf uff den Titelseiten aller Zeitungen erschienen.

Und heute kann unter dem Verdichtung welcher gesichtslosen Wettbewerb aus dem Netzwerk welcher Chaussee nicht widerstehen, zumindest mit einer entschärften Version des mörderischen Director’s Cut zu punkten. Dieser Täter will sein Gesicht, seinen Namen und seine Botschaft weltweit prestigevoll zeugen? Die Zeitungen zeigen sein Gesicht, nennen seinen Namen und zerlegen die Botschaften.

Wo die Verbindung zwischen Terror und Medien so unzweideutig ist, in Bewegung setzen wir uns uff abschüssigem Terrain. Dann kann uff die meisten Medien, Tussi wie neue, kein Verlass mehr sein. Nicht, weil sie “lügen” würden, wie ihre Gegner mit Vergnügen behaupten. Sondern, weil welcher moderne Terrorist denn seine eigene PR-Vermittlung die Nachricht so obszön aufbereitet, dass sie dies Medium selbst zur Botschaft macht. Ihre Überbringung erst vollendet die Tat. Damit hat er sein Ziel erreicht.

“Wen der Terror der Bilder nicht zum Täter macht, den macht er zum Voyeur”, schrieb 2015 Hans Magnus Enzensberger. Seitdem erstmals 2016 ein Islamist in Grande Nation die Enthauptung welcher Nullipara eines Polizisten uff Facebook streamte, hat welcher Terror welcher Bilder eine neue Evidenz und Priorität bekommen.

Heute, vier Jahre später und ein paar technische Entwicklungen weiter, ist er unwiderruflich die “an alle und jeden gerichtete Zumutung” pornografischster Verrohung geworden, von welcher Enzensberger schreibt. Wen dies Portrait nicht zum Todesopfer macht, den macht es zum Komplizen.

Perfide ist, dass sich die Bilder welcher Ungestüm an den Primaten in uns urteilen. Dieser verängstige Primat muss welcher Gefahr ins Pupille sehen. Wenn er in Sicherheit ist, tut er dies sogar ganz mit Vergnügen. Wie die Tat liegt ebenso die Reaktion darauf wohnhaft bei jedem Einzelnen. Jeder kann sich hier, wenn er ehrlich ist, verbleibend den Klasse seiner eigenen Zivilität und Widerstandsfähigkeit ein Interview machen. Reibungslos, un… er uff die Stärkemehl des Impulses lauscht, dies sehen zu wollen. Mein Impuls war ziemlich stark.

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