Wie im Rausch

Was für ein Spiel! Borussia Dortmund zeigte gegen Bayern München seine überragenden Konterfähigkeiten. Die Münchner hatten einen eiskalten Robert Lewandowski – und spannende Erklärungen für die Pleite.

Der (fast) furiose Schlusspunkt des besten Spiels der bisherigen Saison: Die 95. Minute lief im Dortmunder Stadion. Bayern lag zurück, der BVB stand kurz vor dem Triumph, da flankte Joshua Kimmich in die Mitte und Robert Lewandowski legte den Ball mit der Hacke ins BVB-Tor. Zehntausenden Schwarz-Gelben im Stadion rutschten die Herzen in die Hosen. Doch dieser Moment war nur kurz: Lewandowski stand im Abseits.

Das Ergebnis: So blieb es beim 3:2 (0:1) für Borussia Dortmund. Hier geht es zum Spielbericht.

Klare Absage: Die BVB-Fans zeigten vor der Partie eindrucksvoll, was sie von den durch den SPIEGEL enthüllten Plänen einer „Super League“ halten: nichts. „Borussia Dortmund darf kein Teil einer geschlossenen Elite-Liga sein! Nein zur Super League!“, stand auf einem meterlangen Plakat geschrieben, das auf der Südtribüne ausgerollt wurde. (Mehr zur „Super League“ finden Sie hier.)

Die erste Hälfte: Schnell war klar, dass die Bayern-Form der vergangenen Wochen am heutigen Abend keine Rolle spielen würde. Exemplarisch war Franck Ribéry, der in der eigenen Hälfte grätschte und vorne dribbelte wie in besten Zeiten. Der BVB konterte und hätte durch Marco Reus in Führung gehen können, doch sein Schuss wurde von Manuel Neuer pariert (10. Minute). Stattdessen traf Robert Lewandowski zum 1:0. Eine Flanke von Serge Gnabry köpfte der Angreifer – völlig unbedrängt – ins Tor (26.). Danach zogen sich die Bayern zurück, die Partie verflachte. Und dann begann die wildeste zweite Hälfte der bisherigen Saison.

Blitzstart in Hälfte zwei: Nachdem sich die Rauchschwaden der Pyrotechnik der Bayern-Fans langsam verzogen hatten, foulte Neuer Reus nahe der Grundlinie im Strafraum. Schiedsrichter Manuel Gräfe zeigte sofort auf den Punkt. Der Gefoulte trat selbst zum Elfmeter an und verwandelte (48.).

Hacke, Spitze, Tor Nummer zwei: Ein wunderschön herausgespielter zweiter Treffer von Lewandowski folgte dem Ausgleich. Kimmich spielte einen doppelten Doppelpass mit Gnabry, der letzte Kontakt von Gnabry war mit der Hacke. Kimmich spitzelte den Ball über Torhüter Marwin Hitz, Lewandowski köpfte über die Linie – 2:1 (52.). Fußball in Vollendung.

Robert Lewandowski

Vier Chancen, ein Tor: Die Dortmunder verschwendeten daraufhin hochkarätige Chancen im Minutentakt. Erst rettete Kimmich einen Reus-Schuss auf der Linie (59.), dann Jérôme Boateng gegen den eingewechselten Paco Alcácer. Hummels hatte den Ball zuvor an Jadon Sancho verloren (63.). Danach war es erneut Reus, der verzog (65.). Irgendwann war das Bayern-Glück aber aufgebraucht: Lukasz Piszczek flankte von der rechten Seite, Reus nahm den Ball direkt und traf ins linke untere Eck (67.). Auch ein schöner Treffer.

Das Siegtor: Ribéry verlor den Ball am Dortmunder Strafraum, Reus leitete ihn an Alex Witsel weiter, der ein paar Schritte ging und dann genau in den Lauf von Alcácer spielte. Der Spanier lief lange auf Neuer zu und spitzelte den Ball dann im letzten Moment über den Nationaltorwart – das 3:2, der Endstand (73.).

Peinliche Produktinformationen: Klar, an die merkwürdigen „Sendehinweise“ der Skyreporter („‚Das Boot‘ auf Sky. Das sollten Sie nicht verpassen!“) hat man sich fast schon gewöhnt. Aber eine Werbeeinblendung mitten in der Partie? Bayern-Spieler, die sich rasieren, dazu im Split-Screen die Ergebnisse der vorvergangenen Woche? Irgendjemand im Sky-Studio hatte auf den falschen Knopf gedrückt. Bei den Fußballfans kam das jedenfalls nicht so gut an.

Nachspiel vor dem Mikrofon: Interviews auf dem Rasen sind meist beliebig. Im Anschluss an den Dortmunder Sieg gab es jedoch so manch bemerkenswerte Einschätzung zu hören. Neuer bewertete die Elfmetersituation eigenwillig („Ich ziehe komplett zurück. Eigentlich tritt er mir in den Bauch.“). Hummels verriet, dass er eigentlich krank gewesen sei („Es war alles dumpf und verschwommen im Kopf. Ich ärgere mich, dass ich nicht zur Halbzeit draußen geblieben bin.“). Und Reus wurde von Sky-Experte Lothar Matthäus eine gefühlte Ewigkeit in den höchsten Lobeshymnen gepriesen.

Nassforscher Empfang: Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge erlebten auf der Tribüne einige Höhen und Tiefen. Nicht gefallen haben dürfte ihnen die Bierdusche, die ihnen nach einem Dortmunder Treffer feuchte Mäntel bescherte. Nach dem Abpfiff schritten sie unter den ohrenbetäubenden Pfiffen der BVB-Fans über den Rasen. Einen überraschenden Alters-Teilzeitjob in Dortmund nach seinem Ausscheiden beim FC Bayern in „zwei, drei Jahren“ (Zitat Hoeneß) wird es definitiv nicht geben.

Fazit des Spiels: Sieben Punkte. So viel Vorsprung hat Borussia Dortmund nun auf die Bayern. Zwischen den beiden Flaggschiffen der Bundesliga steht noch Borussia Mönchengladbach, hinter den Münchnern naht RB Leipzig. Die Meisterschaft ist noch lange nicht entschieden, aber nach Lage der Dinge wird sie das in dieser Saison auch im kommenden April noch nicht sein. Spannung im Titelkampf, viele der jüngeren Fußball-Fans müssen sich an dieses Konzept erst einmal gewöhnen.

Borussia Dortmund – Bayern München 3:2 (0:1)
0:1 Lewandowski (26.)
1:1 Reus (Foulelfmeter, 49.)
1:2 Lewandowski (52.)
2:2 Reus (67.)
3:2 Alcácer (73.)
Dortmund: Hitz – Piszczek, Akanji, Zagadou, Hakimi – Weigl, Witsel – Sancho, Reus, Bruun Larsen (82. Delaney) – Götze (59. Alcácer)
Bayern: Neuer – Kimmich, Boateng, Hummels (65. Süle), Alaba – Martínez, Goretzka – Gnabry (74. Sanches), Müller (82. Wagner), Ribéry – Lewandowski
Zuschauer: 81.360 (ausverkauft)
Schiedsrichter: Manuel Gräfe
Gelbe Karten: Akanji, Hitz, Weigl / Ribéry, Süle, Wagner

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