Wer in Deutschland dauerhaft arm bleibt

Armut ist ein Gift, das langsam wirkt – und lange. Und wer erst einmal arm ist, wird von der Gesellschaft regelrecht abgekoppelt. Eine Studie zeigt: Die Zahl der Abgehängten ist gestiegen. Die der Reichen allerdings auch.

Herr Spahn, leben Sie selbst einen Monat lang einmal von Hartz IV! – so forderte es in diesem Frühjahr eine ziemlich erfolgreiche Onlinepetition, rund 217.000 Bürger haben sie unterschrieben. Gestartet hatte sie eine 40-jährige Alleinerziehende, die die Aussagen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kritisierte, Hartz IV bedeute nicht Armut. Spahn traf sich später mit der Arbeitslosen, auf den Hartz-Monat verzichtete er jedoch lieber.

Spricht man mit langjährigen Hartz-IV-Empfängern, stehen viele von ihnen derartigen Experimenten ohnehin skeptisch gegenüber. Einen Monat lang von Hartz IV zu leben, sei nicht das Problem, auch einige Monate seien noch okay, sagen sie. Was zermürbe, sei das Leben am Existenzminimum als Dauerzustand: die Hilflosigkeit, wenn Möbel und Haushaltsgeräte nach Jahren verschleißen, wenn Urlaub immer nur ein Wunsch bleibe, wenn das Kind noch nie ein größeres Weihnachtsgeschenk bekommen habe, wie es bei dessen Schulfreunden normal sei.

Das Gefühl, von der Gesellschaft abgekoppelt zu sein, tritt nicht schlagartig mit dem Abrutschen in Hartz IV ein – es entwickelt sich erst mit der Zeit und wird mit jedem Monat größer.

Verfestigte Armut stieg besonders in den Neunzigern

Ähnliches gilt im Prinzip auch für Reiche, nur ohne Leidensdruck: Wer dauerhaft zur wirtschaftlichen Elite gehört, koppelt sich oft von der Mittelschicht ab. Die Wohnungsnot in Großstädten etwa erscheint allenfalls als abstraktes Problem, wenn man sich überall Miete oder Kauf leisten kann. Entsprechend häufig werden politische Forderungen als gerecht empfunden, die Reiche ent- und Arme belasten, wie der Soziologe Michael Hartmann durch Befragungen herausfand. Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist also nicht allein entscheidend, wie viele Menschen arm oder reich sind – sondern auch, ob sie es dauerhaft sind oder nicht.

Daher ist ein aktueller Befund bemerkenswert: In Deutschland haben sich sowohl Armut als auch Reichtum seit der Wiedervereinigung deutlich verfestigt. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der Verteilungsexpertin Dorothee Spannagel vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Lebten Anfang der Neunzigerjahre noch 3,1 Prozent der Bevölkerung in dauerhafter Armut, sind es laut aktuellsten Zahlen schon 5,4 Prozent – eine Steigerung um 74 Prozent.

Die WSI-Forscherin griff für die Studie auf die Daten der Langzeitbefragung SOEP zurück, für die jährlich 11.000 Haushalte Auskunft geben. Untersucht wurden drei Fünfjahres-Zeiträume:

Als verfestigt arm oder reich zählte in der WSI-Untersuchung, wessen Haushalt über fünf Jahre andauernd entweder unter der Armutsschwelle (60 Prozent des mittleren Einkommens) oder über der Reichtumsgrenze (200 Prozent des mittleren Einkommens) lag.

Zur Orientierung: Für einen Single-Haushalt lag die Armutsschwelle im Jahr 2015 bei 12.192 Euro netto, die Reichtumsschwelle bei 40.639 Euro netto. Genauer ist es eigentlich nicht das Netto-, sondern das verfügbare Einkommen, also nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben, aber inklusive Transferleistungen wie Kinder- oder Arbeitslosengeld.

Auffallend ist dabei der Zeitraum, in dem sich verfestigte Armut besonders stark erhöhte: Es waren die Neunzigerjahre, also eine Zeit, in der die Agenda-Reformen noch weit in der Zukunft lagen. Das 2005 eingeführte Hartz IV hat zumindest statistisch das Ausmaß dauerhafter Armut nicht weiter steigen lassen.

Das ist auch ein großer Unterschied zur Entwicklung der allgemeinen Armuts- und Reichtumsquote, die in den Nullerjahren deutlich gestiegen ist. Sie weisen aus, wie hoch der Anteil der Menschen über oder unter den jeweiligen Schwellen im betreffenden Jahr war – unabhängig von der Dauer dieses Zustands.

Berücksichtigt wurde für den WSI-Verteilungsbericht zu verfestigter Armut und verfestigtem Reichtum allein das Einkommen – nicht das Vermögen, obwohl dies ebenfalls entscheidenden Einfluss auf die materielle Situation hat. Allerdings gibt es schlicht keine Daten, aus denen sich sowohl Einkommens- als auch Vermögensverhältnisse von Haushalten ermitteln lassen – ein blinder Fleck der Statistik. Weil für das SOEP kurz vor und nach der Wiedervereinigung zu wenig Daten in Ostdeutschland erhoben wurden, konnten für den ersten Zeitraum keine Ergebnisse für den Osten ausgewiesen werden.

Dennoch ist der Ost-West-Vergleich aufschlussreich: Während die verfestigte Armut in Westdeutschland in den Neunzigerjahren deutlich anstieg, stagnierte sie seit der Jahrtausendwende nahezu bei knapp unter 5,5 Prozent – ähnlich wie in Gesamtdeutschland. In Ostdeutschland hingegen, wo die verfestigte Armut noch 2001 unter dem Westniveau lag, hat sie seitdem deutlich zugenommen und liegt nun mit 6,4 Prozent darüber. Die Armuts- und Reichtumsschwellen für die Einzelbetrachtung von Ost und West wurden dabei nach dem regionalen mittlerem Einkommen festgelegt – der höhere Armutswert für Ostdeutschland ist also nicht Folge des dort allgemein geringeren Einkommensniveaus.

Im Gegensatz zur Armut ist verfestigter Reichtum in Westdeutschland auch seit der Jahrtausendwende häufiger geworden – wie auch im Osten, wobei der Anteil hier mit 2,1 Prozent um 1,3 Punkte unter dem im Westen liegt. Der Rückgang für Gesamtdeutschland zwischen Anfang der Neunziger- und Anfang der Nullerjahre ist hingegen wohl eher einem statistischen Effekt geschuldet: Die überaus niedrigen Einkommen kurz nach der Wende in Ostdeutschland haben das mittlere Einkommen so weit abgesenkt, dass viele westdeutsche Haushalte über der Reichtumsschwelle landeten.

Bis Anfang der Nullerjahre stiegen die Einkommen in Ostdeutschland noch relativ stark und damit auch das mittlere Einkommen für Gesamtdeutschland, so dass zehn Jahre später einige westdeutsche Haushalte statistisch aus der Reichtumszone rutschten, obwohl sich an ihrem Status in Wirklichkeit kaum etwas geändert hatte, wie die Auswertung für Westdeutschland allein zeigt.

Spannagel ermittelte auch, welche Bevölkerungsgruppen auffallend häufig dauerhaft arm oder reich waren (detaillierte Daten finden Sie in der Studie auf Seite 10):

Aus diesen Befunden leitet die WSI-Forscherin Ansätze ab, wie die soziale Kluft in Deutschland bekämpft werden kann. Dazu zählt etwa, die Bildungschancen gerade für Kinder aus benachteiligten Familien zu verbessern – aber auch, die Langzeitarbeitslosigkeit durch bessere individuelle Förderung und Beratung zu reduzieren. Beide Aufgaben sind komplex und benötigen Geduld: Bis etwa Chancengerechtigkeit in der Schule auch die Ungleichheit statistisch messbar verkleinert, vergehen naturgemäß Jahrzehnte.

Zudem empfiehlt die WSI-Studie, die Kinderbetreuung deutlich zu verbessern und flexible Arbeitszeitmodelle für Eltern auszuweiten. Das würde vor allem Alleinerziehenden eine ausreichend entlohnte Erwerbsarbeit ermöglichen und auch den Anteil von Mehrverdiener-Haushalten insgesamt erhöhen. Und auch das hohe Lohngefälle zwischen Ost und West müsste verringert werden, um den Anstieg verfestigter Armut in Ostdeutschland zu stoppen.

Video: Kinderarmut in Deutschland

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