Neandertaler-Kinder erkrankten an Bleivergiftung

Bleivergiftungen wurden lange auf die Industrialisierung zurückgeführt. Nun vermuten Forscher, dass schon die Neandertaler unter zu hohen Dosen litten.

Forscher haben 250.000 Jahre alte Backenzähne von Neandertaler-Kindern aus Südfrankreich untersucht. Die Analyse ist demnach der mit Abstand älteste Beleg für eine Bleibelastung, wie die Forscher in der Zeitschrift „Science Advance“ schreiben.

„Eigentlich dachte man, Kontakt zu Blei habe in Bevölkerungen erst nach der Industrialisierung eingesetzt, aber diese Resultate zeigen, dass das auch schon in prähistorischer Zeit vorkam“, sagt Studienleiterin Christine Austin von der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York.

Das Team um Tanya Smith von der Griffith University in Brisbane analysierte zwei Backenzähne von Neandertaler-Kindern, die in Südostfrankreich an der Payre gefunden wurden, einem Nebenfluss der Rhone.

Viel Blei in den Zähnen

Dazu prüften die Forscher die Zahnschichten auf Barium, Blei und verschiedene Sauerstoff-Isotope. Diese Schichten entstanden während der ersten drei Lebensjahre der Kinder und lagern Elemente aus der Umwelt ein. Die Zahnschichten sind somit ein Archiv, das Informationen über Umweltbedingungen im Lauf des frühen Lebens speichert.

Für Überraschung sorgten dabei hohe Bleiwerte in den Zähnen. Eines der Kinder – Payre 6 – hatte ab dem Alter von 2,5 Monaten Kontakt zu Blei. Die Belastung stieg jedoch ab dem Alter von neun Monaten – also im Winter – deutlich an und blieb bis zum Alter von 1,6 Jahren erhöht. Einen zweiten deutlichen Anstieg über zwei bis drei Wochen verortet das Team später. Auch das zweite Kind – Payre 336 – war wiederholt hoher Bleibelastung ausgesetzt.

Die hohen und akuten Bleiwerte deuten darauf hin, dass die Kinder dem Stoff kurzfristig ausgesetzt waren – etwa durch kontaminiertes Essen oder Wasser oder durch Einatmen von bleibelastetem Rauch.

Zwei Bleiminen in der Nähe

„Es ist plausibel, dass das Blei in Payre 6 von Flüssigkeiten, aber nicht von Milch, stammte. Die Belastung begann im Alter von etwa 2,5 Monaten, nahm im Winter im Alter von 9 Monaten mit der Aufnahme fester Nahrung zu und dann erneut im späten Winter oder zeitigen Frühjahr des Folgejahrs“, schreibt das Team.

Die Forscher liefern auch eine Erklärung für die Bleibelastung: „Im Umkreis von 25 Kilometern um die Fundstelle, was zur gewöhnlichen Entfernung der Nahrungssuche passt, gibt es inzwischen mindestens zwei Bleiminen.“ Der Stoff kam also offenbar aus dem Boden.

Hinweise darauf, dass das Metall die Kinder geschädigt hat, fanden die Forscher in den Zähnen nicht. Stattdessen entdeckten sie bei beiden Kindern Indizien für kurze Erkrankungen von ein bis zwei Wochen Dauer, die in der kälteren Jahreszeit auftraten.

Gestillt bis ins Alter von 2,5 Jahren

Die Analyse liefert über die Sauerstoff-Werte im Zahn auch Hinweise auf den Geburtstag. Demnach kam Payre 6 im Frühjahr zur Welt. „Das passt zum allgemeinen Muster bei Säugetieren, ihren Nachwuchs während Phasen eines größeren Nahrungsangebots zur Welt zu bringen“, schreibt das Team. Allerdings hat die Auswertung eines einzigen Zahns keine Aussagekraft für die gesamte Gruppe.

Das gilt auch für die Untersuchungen der Forscher zum Stillen. Demnach wurde Payre 6 im Alter von 2,5 Jahren abgestillt. Zu dieser Zeit sinken die Barium-Werte in dem Zahn auf ein Minimum. Bei dem zweiten Kind – Payre 336 – ließ sich der Barium-Gehalt des Zahns nicht eindeutig interpretieren.

„Es scheint, dass dieses Individuum im Frühjahr geboren und im Herbst abgestillt wurde“, schreiben sie. Etwa in diesem Alter würden Kinder auch in nicht industrialisierten Kulturen entwöhnt.

Im Video: Evolution Mensch – Knochen lesen

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