Krank durch Sporen

Magen-Darm-Beschwerden, Rheuma, Kinderlosigkeit, Krebs: Schimmelpilze sollen zahlreiche Krankheiten auslösen. Stimmt das? Welche Untersuchungen sind sinnvoll? Und: Was hilft gegen Schimmel?

Wenig Zeit? Am Textende gibt’s eine Zusammenfassung.

Wer bei Google die Wörter „Schimmel“ und „krank“ eintippt, bekommt an die 400.000 Suchergebnisse ausgespuckt. Für Verbraucher ist es oft nur schwer zu durchschauen, welche Seiten seriöse Informationen liefern und welche Ängste schüren. Sind juckende, rote Augen und Reizhusten ein Zeichen für Schimmel in der Wohnung? Kann dieser tatsächlich Rheuma, Magen-Darm-Beschwerden oder Krebs hervorrufen, wie mancherorts zu lesen? Und ist ein günstiger Selbsttest auf Schimmel aus dem Internet sinnvoll?

Zur Beruhigung: „Unsere Widerstandsfähigkeit gegen Schimmel ist sehr groß“, sagt Thomas Schupp, Toxikologe an der FH Münster. „Als gesunder Mensch muss ich nicht sofort in Panik verfallen, aber ich muss aktiv werden.“ Denn Schimmel ist mehr als ein ästhetisches Problem. Er kann durchaus krank machen. Für manche Personen ist er zudem gefährlicher als für andere.

Alles, was bei Feuchtigkeit gedeiht

Doch was ist Schimmel überhaupt? „Ein Sammelbegriff für verschiedene Pilze“, sagt der Biologe Armin Schuster, der am Institut für Infektionsprävention und Krankenhaushygiene am Uniklinikum Freiburg arbeitet. „Die Mikroorganismen wachsen fadenförmig, sie bilden Sporen und bauen organische Substanzen ab.“

Schuster kennt sich mit den Pilzen aus, er hat bis vor Kurzem selbst noch Messungen und Begehungen in Wohnungen gemacht. Die Einrichtung für Wohnmedizin und Innenraumhygiene gibt es zwar nicht mehr, eine kostenpflichtige Telefonberatung wird aber nach wie vor angeboten. „Im weiteren Sinne werden unter dem Begriff auch Bakterien, Hefen und Milben gefasst“, sagt er. Kurzum: Das gesamte Mikrobiom, das bei Feuchtigkeit gedeiht, ist Schimmel.

Und der umgibt uns ganz natürlich. Er ist immer in der Innen- und Außenluft vorhanden und sorgt etwa für den typischen Geruch von Walderde. Für die Natur ist er wichtig, damit altes Laub oder Holz verrottet. „Wenn er in einer Wohnung wächst, ist das allerdings immer ein gravierender Mangel, der beseitigt werden muss“, sagt Schuster. Ein Problem, das weit verbreitet ist: In nahezu jeder zehnten Wohnung in Deutschland finden sich Schäden mit Schimmel.

Probleme auch in gut isolierten Neubauten

Damit Schimmel gedeiht, braucht es Feuchtigkeit. „Liegt die Luftfeuchte über längere Zeit hinweg bei über 70 Prozent, können schon bestimmte Schimmelpilze wachsen, bei mehr als 80 Prozent zeigt sich schon nach wenigen Tagen ein Befall“, sagt Schupp. Die Gründe für die erhöhte Feuchte können vielfältig sein: Schlechte Belüftung etwa, Mängel an der Bausubstanz, Wasserschäden oder kalte Oberflächen durch unzureichende Dämmung, an denen das Wasser kondensiert.

„Schimmel ist dabei nicht nur ein Problem in Altbauten“, sagt Schuster. Auch in gut isolierten Neubauten tritt er auf. „Wird etwa der Estrich eingebracht, wenn die extrem dicht schließenden Fenster schon drin sind und keiner lüftet richtig, haben Sie schnell ein Schimmelproblem.“

Ob Holz, Silikonfuge, Tapete oder Teppich – die Pilze fühlen sich auf vielen Oberflächen wohl, auch Nahrung finden sie überall. Für den typischen muffigen Kellergeruch sind die Stoffwechselprodukte von Schimmel verantwortlich, sogenannte MVOC (Microbial Volatile Organic Compounds), das sind flüchtige organische Verbindungen. Die Pilze setzen zudem Sporen oder Zellen und Zellbruchstücke frei.

Schimmel kann Asthma und Allergien auslösen

Menschen, deren Immunsystem etwa durch eine Chemotherapie stark heruntergefahren ist, sollten Feuchtigkeit und Schimmel nicht auf die leichte Schulter nehmen. „Sind die Abwehrkräfte extrem geschwächt, besteht tatsächlich eine Gefahr für Leib und Leben“, sagt Schuster. Dann kann eine Schimmelpilzinfektion entstehen, eine sogenannte Mykose, die gefährlich ist und sogar tödlich enden kann.

Bei anderen Krankheiten zeigt sich, dass sie häufiger im Zusammenhang mit Feuchte und Schimmel auftreten. So kann Schimmel bei einem bereits bestehenden Asthma Symptome auslösen oder verschlimmern. „Kinder, die in nassen Wohnungen aufwachsen, haben zudem vermehrt Asthma“, so Schupp. Laut Leitlinie, einer Art Behandlungsempfehlung für Diagnose und Therapie, sind Asthmatiker daher besonders zu schützen, ebenso wie an Mukoviszidose Erkrankte, die oft unter chronischem Husten und Atemwegsinfekten leiden.

„Prinzipiell kann Schimmel auch bei Gesunden zu Asthma oder einer Allergie führen“, sagt Gerhard Wiesmüller, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin am Gesundheitsamt in Köln und Leitlinienkoordinator. Gefährdet sind etwa diejenigen, die bereits andere bestehende allergische Erkrankungen oder eine Veranlagung dazu haben. Allerdings: Dafür muss der Kontakt mit bestimmten Schimmelpilzen über eine lange Zeit bestehen. „Schimmelpilze sind zudem längst nicht so potente Allergene wie etwa Gräser oder Pollen, eine Sensibilisierung ist vergleichsweise selten“, so Wiesmüller. „Und sie bedeutet auch noch lange nicht, dass allergische Symptome auftreten.“

Im Internet wird oft übertrieben

Generell können sich Atemwegsbeschwerden, Augen-, Nasen- und Rachenreizungen, eine verstopfte Nase, ein trockener Husten und Müdigkeit zeigen. Denn Wohnungsschimmel besteht – anders als solcher in der Umwelt, etwa in der Spreu – aus besonders vielen und sehr kleinen Sporen. Diese gelangen bis tief in die Bronchien. Der Körper mobilisiert seine Abwehr, Entzündungsreaktionen laufen ab. „Solche Symptome verschwinden in der Regel aber wieder, wenn der Schimmelschaden beseitigt ist“, sagt Schuster.

Auch Wiesmüller beruhigt: Ein bleibender gesundheitlicher Schaden sei meist nicht zu befürchten. „Aber es ist auch kein Grund, nichts zu tun. Denn wer sich allzu lange den Sporen aussetzt riskiert, dass die Reizerscheinungen wie etwa eine Entzündung der Atemwege chronisch werden.“

Dafür, dass Wohnungsschimmel im Zusammenhang mit Rheuma, der Lungenkrankheit COPD oder gar Krebs steht, gibt es keine ausreichenden oder belastbaren Belege. Das gilt auch für Magen-Darm-Erkrankungen oder Unfruchtbarkeit.

„Oft übertrieben wird im Internet auch die Gefahr, die von Mykotoxinen ausgeht“, sagt Schuster. Manche dieser Pilzgifte können zwar in der Tat krebserregend wirken. Aber: „Sie geraten nur in sehr geringen Mengen in die Luft.“ Auch der Leitlinie zufolge geht von ihnen nach bisherigem Kenntnisstand keine Gefahr aus.

„Anders ist das natürlich bei einem Sanierer, der den Putz wegschlägt und auf einmal viel Biomasse einatmet“, so der Biologe. „Er muss sich schützen.“ Auch MVOC, verantwortlich für den typischen Geruch von Schimmel, haben keine akuten, direkten gesundheitlichen Auswirkungen. Wer eine Aversion dagegen entwickelt, kann trotzdem mit Übelkeit und Kopfschmerzen reagieren.

Rote Augen und Husten: Ist Schimmel die Ursache?

Wer nicht sicher ist, woher Beschwerden wie Hustenreiz und juckende Augen rühren, sollte zunächst einen fachkundigen Arzt, etwa einen Umweltmediziner, aufsuchen. „Oft ist eine Hausstaubmilbenallergie wahrscheinlicher“, sagt Wiesmüller. Blut- und Hauttests können bei der Spurensuche helfen. Allerdings: Sie liegen nur für sehr wenige Schimmelpilze vor. Zuverlässig sind sie zudem nicht immer. Wichtig auch: Getestet werden sollte auf den Antikörper Immunglobulin E (IgE), ein Eiweiß, das körperfremde Stoffe abwehrt und bei Soforttyp-Allergien eine Rolle spielt. Dabei reagiert der Körper umgehend auf Eindringlinge mit Abwehrsymptomen wie juckenden Schleimhäuten, Husten oder Niesen.

Auf IgG – ein anderes Eiweiß – bei Wohnungsschimmel zu testen, ergebe keinen Sinn, sagt Schuster. Auch wenn manche Ärzte es immer noch anbieten. „Das zeigt nur, dass man irgendwann einmal Kontakt mit Schimmel hatte – was auf einen Großteil der Bevölkerung zutrifft.“ Treten die Beschwerden nicht auf, wenn man die Wohnung längere Zeit verlässt – etwa zu einem Wochenendbesuch bei Freunden -, ist dies ebenfalls ein Indiz.

Schimmelfleck

Ist der Schimmel schon sichtbar, ist eine Raumluftmessung unnötig. Mit ihr kann nur ermittelt werden, wie wahrscheinlich es ist, dass eine Schimmelquelle existiert. Einen Grenzwert, ab wann eine Belastung gesundheitsschädlich ist, gibt es nicht. Schuster rät auch dazu, sich vorab gut zu informieren. „Bei einer solchen Messung kann viel schiefgehen, nicht jeder Baubiologe oder jedes Ingenieurbüro, das sie anbietet, kennt sich damit auch aus.“

Die Feuchtigkeit muss verschwinden

Der 2017 aktualisierte Schimmelleitfaden des Umweltbundesamts (UBA) hilft bei der Orientierung. „Günstige Tests aus dem Internet können Sie sich gleich schenken“, so der Schimmel-Experte. „Das gilt auch für Sedimentationsplatten.“ Bei Schimmelspürhunden ist er ebenfalls skeptisch.

Viele Büros bieten zudem an, dass man selbst Proben entnimmt und diese einschickt. Auch davon rät er ab: „Die Probeentnahme und Begehung vor Ort ist das Wichtigste. Das muss jemand machen, der erfahren ist.“ Allerdings kann eine solche Messung schnell etliche Hundert Euro kosten. „Ist die Gesundheit maßgeblich beeinträchtigt, kann es lohnend sein, bei der Krankenkasse nachzufragen, ob sie Kosten übernimmt“, sagt Schuster.

Wer den Schimmel loswerden will, muss dafür sorgen, dass die Feuchtigkeit verschwindet – etwa durch eine professionelle Sanierung. Von Bioziden zur Bekämpfung rät das UBA ab. „Das ist kein Dauerschutz, viele dieser Mittel haben zudem selbst ein Risikopotenzial und belasten die Raumluft“, sagt auch Schuster. Eine Desinfektion mit Alkohol bekämpft ebenfalls nicht die Ursache. Auch Kalkanstriche helfen nur eine begrenzte Zeit.

Für den Experten ist daher klar: „Um dauerhaft seine Ruhe zu haben, muss die Quelle des Übels, also der Feuchte, gefunden werden.“ Dann heißt es: Schwachstellen beheben, befallenes Material entfernen, Stäube dabei vermeiden – und danach gründlich putzen, waschen und reinigen. „Bei größeren Problemen müssen Fachleute ran“, so Schuster.


Zusammengefasst: Gefährlich ist Schimmel in Innenräumen vor allem für Menschen mit geschwächtem Immunsystem und Asthmatiker. Doch auch bei Gesunden kann er die Atemwege reizen. Ärzte können abklären, ob Schimmel die Beschwerden verursacht oder etwas anderes dahintersteckt. Damit Schimmel dauerhaft verschwindet, muss die Feuchtigkeit, die er zum Wachsen braucht, bekämpft werden.

Im Video: Wohngifte – Die Jagd nach versteckten Gefahren



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