Die Stimme, das stärkste Indiz

Ein Stimmgutachten belastet den mutmaßlichen Entführer Markus Würths schwer. Es gibt Zweifel an der Aussagekraft der Analyse – allerdings nicht genug, um den Angeklagten aus der U-Haft zu entlassen.

„Wir haben nicht damit gerechnet“, sagt Verteidiger Alois Kovac. Gemeint ist: Kovac und sein Kollege Stefan Bonn gingen nicht davon aus, dass ihr Mandant Nedzad A. in Untersuchungshaft bleiben würde. Doch genau das ist die Entscheidung der drei Berufsrichter der 2. Großen Strafkammer des Landgerichts Gießen. Sie haben den Antrag der Anwälte abgelehnt, den Haftbefehl gegen A. aufzuheben.

Familienmitglieder, Freunde, auch Journalisten mussten während der Verkündung vor dem Saal 207 im Gießener Landgericht warten, knapp 20 Minuten lang. Dann gab es Tränen bei den Angehörigen. Sie hatten nicht erwartet, dass Nedzad A. in U-Haft bleibt.

Der 48-Jährige muss sich seit September wegen des Vorwurfs des erpresserischen Menschenraubs vor Gericht verantworten. Er soll im Juni 2015 vermutlich zusammen mit Komplizen den Sohn des baden-württembergischen Milliardärs und sogenannten Schraubenkönigs Reinhold Würth entführt haben, um drei Millionen Euro Lösegeld zu erpressen.

Der Sohn, Markus Würth, ist seit einem Impfschaden in frühester Kindheit geistig zurückgeblieben. Einen Tag nach seiner Entführung aus einer integrativen Einrichtung im hessischen Schlitz wurde er freigelassen. Die Täter ketteten den damals 50-Jährigen an einen Baum in einem Waldstück bei Würzburg. Einer der Entführer teilte der Mutter, Carmen Würth, mit, wo sie ihren Sohn finden könne.

Stimmgutachten ist das stärkste Indiz der Staatsanwaltschaft

Mehrere Telefonate des Täters mit Carmen Würth wurden mitgeschnitten. Ein Stimmengutachten zweier Experten der Universität Marburg kam zum Ergebnis, dass es sich bei der Stimme des Anrufers „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ um die Stimme des Angeklagten handelt. Doch es gibt Zweifel an der Aussagekraft des Gutachtens. Die Stimme eines Menschen ist nicht unverwechselbar wie eine DNA-Spur.

Zwei Menschen, die unter nahezu identischen Bedingungen und in sehr, sehr ähnlichem Umfeld aufgewachsen sind, könnten auch in ihrer Sprache und Stimme schwer zu unterscheiden sein. Diese theoretische Möglichkeit gebe es, sagten die Stimmenexperten. Der Vorsitzende Richter Jost Holtzmann, auch die Beisitzenden Richter und die Schöffen hakten immer wieder nach. Sie schienen nicht so recht zu wissen, welchen Beweiswert sie dem Gutachten beimessen können. Es ist das stärkste Indiz, das die Staatsanwaltschaft hat. Aber reicht es aus, um Nedzad A. zu verurteilen?

Die Verteidiger Bonn und Kovac hatten die Skepsis der Richter aufgegriffen und noch am Tag der Gutachterbefragung die Freilassung des Angeklagten beantragt. Ein dringender Tatverdacht sei nicht mehr gegeben, trugen sie vor.

Die drei Berufsrichter sahen das nun anders, die beiden Schöffen durften nicht mitentscheiden. Nach wie vor sehen die Richter den dringenden Tatverdacht als gegeben an. Die Entscheidung stütze sich auch auf das Stimmengutachten, sagte ein Gerichtssprecher nach der nicht öffentlichen Sitzung. Ein deutliches Signal für oder gegen eine Verurteilung sei das aber nicht, die weitere Beweisaufnahme bleibe abzuwarten.

Die neigt sich allerdings dem Ende entgegen. Am 14. November sollen weitere Zeugen gehört werden. Schon am 22. oder 26. November könnte plädiert werden. Es sei denn, die Verteidigung besteht darauf, zuvor noch zwei eigene Stimmengutachter zu hören. Verteidiger Kovac ließ dies nach der Haftbefehlsentscheidung offen.

Die Richter lächeln, die Verteidiger lachen

In öffentlicher Verhandlung hatte sich zuvor ein Polizist erstmals zu Details der gescheiterten Geldübergabe geäußert. Was er schilderte, löste Heiterkeit im Saal aus. Das Ehepaar Würth sollte nachts in einem Waldstück ein Glas hinter einem Baum ausbuddeln. In dem Glas lagen Funkgeräte. Ihr Auto sollten die Eltern mit fluoreszierender Farbe besprühen, auf dem Autodach eine Taschenlampe befestigen und mit Tempo 80 dauerblinkend über eine Autobahn fahren. Sie sollten dabei auf ein Funk- oder Lichtsignal achten.

Die Würths hätten dann sofort anhalten und einen Rucksack mit drei Millionen Euro über eine Leitplanke werfen sollen. Tatsächlich fuhren nicht die Würths, sondern der Polizeizeuge mit Kollegen die Strecke. Auf den oder die Täter trafen sie nicht.

Der Polizist sprach von mehreren „Planungsfehlern“ der Entführer:

Zudem seien die Entführer ein erhebliches Entdeckungsrisiko eingegangen: „Wäre ich Entführer, hätte ich mich für eine unauffälligere Variante entschieden, als jemanden mit 80 Stundenkilometern, einer Taschenlampe auf dem Autodach, dauerblinkend und mit drei Millionen Euro im Kofferraum nachts auf die Autobahn zu schicken“, sagte der Polizist.

Die Richter lächeln, auch die Anwältin der Familie Würth und die Verteidiger lachen. Nur dem Angeklagten ist nicht zum Lachen zumute.

Keine Stunde später entscheiden die Richter über seine Freiheit. Nedzad A. bleibt in Haft.

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