„zil ist nun eine Ikone“

Zum Fall zil hat der Sportjournalist Dietrich Schulze-Marmeling ein Buch verffentlicht. Darin schreibt auch der Freiburger Sportwissenschaftler, Professor Diethelm Blecking. Im Gesprch bezeichnet er die gesellschaftlichen Folgen der Debatte um den zurckgetretenen Nationalspieler als fatal.


Der Sonntag: Der „Fall zil“ sorgt fr eine gewaltige Polarisierung, die ffentlichen Wortmeldungen sind unberschaubar geworden. Macht diese Debatte berhaupt Sinn oder bleibt nur ein groer gesellschaftlicher Schaden zurck, Herr Professor Blecking?

Man kann diese Diskussion ja nicht abschalten. Aber es ist offensichtlich, dass es die Debatte um Mesut zil in dieser Schrfe ohne die ngste und Polarisierungen, die das Flchtlingsjahr 2015 generiert hat, nicht gegeben htte. Die Diskussion kann aber auch sensibler machen fr die Probleme, die Migranten bei uns haben. Aber Schnreden ntzt nichts: Fr das Einwanderungsland Deutschland sind die Folgen dieser Debatte vorerst fatal.
Der Sonntag: Wre der Streit um zil und sein Foto mit dem trkischen Prsidenten Recep Tayyip Erdogan nicht rasch verpufft, htte die deutsche Mannschaft in Russland ihren Weltmeistertitel verteidigt oder zumindest gut abgeschnitten?

Ganz sicher wre es so gekommen. Das sieht auch Mesut zil so, der in seiner Erklrung schreibt, der Migrant sei dann geduldet, wenn er gute Leistung bringt. Dann sei er ein guter Trke, im Falle des Misserfolgs jedoch ein schlechter. Dies alles weckt bei mir die Erinnerung an das Verhalten nicht weniger Zuschauer in den Wiener Stadien whrend der 30er-Jahre, als in den sterreichischen Klubs viele Fuballer jdischer Abstammung spielten. Kickten diese nicht gut, wurde aus dem Publikum gerufen: „Hoppauf, Saujud!“ Lief es jedoch prima, erschallte der Ruf: „Hoppauf, Herr Jud!“
Der Sonntag: Der erste Aufreger aber war das so heftig kritisierte Foto mit dem trkischen Prsidenten.

Dennoch mchte ich darauf hinweisen, dass es schon weit vor dem Erdogan-Termin, beispielsweise whrend des WM-Qualifikationsspiels gegen Tschechien, zu massiven Beleidigungen gegen zil aus der deutschen Fankurve gekommen ist. „zil abschieben“ wurde gebrllt. Die Ablehnung dieses Fuballers, der sich angeblich mit hngenden Schultern ber den Platz bewegt, geht tiefer. zil steht wie Toni Kroos fr eine moderne, fast schon krperlose Spielweise, die fr Anhnger eines athletischen Stils „undeutsch“ wirkt und eine „feminisierte“ Zumutung ist. In dieser Traditionslinie steht auch die uerung eines gewissen bayrischen Wrstchenfabrikanten, zil spiele seit Jahren nur Dreck. Hinzu kommt: Der in Gelsenkirchen geborene erfolgreiche Fuballer zil, der natrlich rechtlich Deutscher ist, galt als Muster-Migrant, mit dem sich die Bundeskanzlerin in der Kabine fotografieren lie, um „bella figura“ zu machen. Als sie wenige Wochen spter erklrte, Multikulti sei gescheitert, hat sie indirekt auch zil im Regen stehen lassen.
Der Sonntag: Ist der Fall zil eine Geschichte der zunehmenden Entfremdung?

zil und die ethnisch-heterogene Nationalmannschaft war die Antwort auf die tiefe spielerische Krise des deutschen Elite-Fuballs, in die dieser in den Jahren zwischen 1998 und 2004 geraten war. Damals spielten in der Nationalmannschaft ja fast ausschlielich Bio-Deutsche, was auch den damaligen Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld veranlasste, darauf hinzuweisen, welches fuballerische Potenzial ungenutzt bleibe, wenn man die Spieler mit Migrationshintergrund nicht bercksichtige. Das positive Gegenbeispiel lieferte die erfolgreiche, multikulturelle franzsische Nationalmannschaft um Zinedine Zidane. Vor allem die Bundestrainer Jrgen Klinsmann und Joachim Lw leiteten bei der deutschen Nationalmannschaft mit der Integration migrantischer Spieler einen Neuanfang ein. Dies reformierte auch den Spielstil der deutschen Mannschaft, der Gewinn des WM-Titels 2014 durch eine strahlende multikulturelle Mannschaft war der Hhepunkt dieser Entwicklung. Dem rechten Lager innerhalb der Fanszene der Nationalmannschaft gefiel dieser Trend natrlich nicht, schon bei der EM 2016 zeigten sich Unmutsbekundungen gegen zil.
Der Sonntag: Und nun ist es eskaliert.

Ja. Die Fronten werden klar, AfD und Pegida positionieren sich, und der Fuball ist wieder mal die Bhne fr gesellschaftliche Konflikte. Aber Vorsicht: Schon in der Antike wird der Sndenbock, der durchaus ein Mensch sein kann, aus der Stadt vertrieben. Aber sobald er die Tore der Stadt passiert, wird er drauen zum Heiligen. Dies ist nun auch mit zil passiert. Er ist zur sportlichen Ikone der muslimischen Welt avanciert, der Verkauf seiner Trikots erreicht dort Rekordzahlen. Und zil nimmt eine kosmopolitische Haltung ein, dreht Deutschland den Rcken zu: Mesut zil braucht die DFB-Auswahl nicht mehr.
Der Sonntag: zil ist aber kein Einzelfall. Steht seine innere Zerrissenheit nicht fr einen Groteil der trkischen Community in Deutschland?

Und diese ist das Produkt jahrelanger verfehlter Migrationspolitik. Man hat sich in Deutschland viel zu lange nicht darum gekmmert, was in der trkischen Community passiert. Dafr hat man sich im Rosinenpicken gebt und nur die Edel-Migranten vorgezeigt. Diese Ignoranz fhrt bei allen Seiten zu einer berforderung bei interkulturellen Konflikten. Dabei ist die Identifikation der trkischen Community mit ihrem Herkunftsland enorm hoch. Man darf nicht vergessen, dass es in Deutschland zahlreiche trkische Zeitungen gibt, noch mehr trkische Fernsehkanle werden angeboten. Eine Umfrage unter trkischen Fuballfans in Deutschland aus dem Jahr 2008 zeigt schon, dass sich diese ganz massiv nicht mit Bayern Mnchen oder Borussia Dortmund identifizieren, sondern mit Fenerbahce, Besiktas und Galatasaray Istanbul. Der trkischstmmige Fuballer Hamit Altintop, der in Europa fr viele Vereine gespielt hat, kritisierte zils Entscheidung, fr Deutschland zu spielen, ffentlich: So etwas ginge nicht. Und dennoch war der Dner-Verkufer aus Gelsenkirchen immer stolz auf zils Leistungen im DFB-Dress, auch wenn er ihn lieber im trkischen gesehen htte. Wir lernen: Einbrgerung ist nicht gleich Integration und ohne Befremdung und Befreundung geht Integration nicht.
Der Sonntag: Was hat der DFB in der gesamten Angelegenheit falsch gemacht?

Man hat die Brisanz der Affre um das Erdogan-Foto unterschtzt. Vorherrschend war die arrogante Haltung, aus dem Camp in Watutinki marschiere „La Mannschaft“ direkt zum Titel, dann sei das alles vergessen. Als man ausgeschieden war, brauchte man eine Erklrung dafr, wieso diese grandiose Marke scheitern konnte. Nun forderte Grindel zil auf, sich zu erklren, wohl wissend, dass ein ffentlicher Auftritt des Spielers einer Katastrophe gleichgekommen wre. Wenig hilfreich und enttuschend sind auch die empathiefreien uerungen des Mannschaftskapitns Manuel Neuer, die Nationalspieler mssten das DFB-Trikot wieder mit Stolz tragen. Ist das Naivitt oder ein Wink aus der Chef-Etage in Mnchen? Der grte Fehler aber bestand darin, dass sich der DFB nicht hinter zil stellte, als der zur Zielscheibe eines offenen Rassismus wurde. Das ist am Ende fr mich das Problematischste: Die laute Kritik an zil und seinem Fotoshooting mit Erdogan folgt nmlich berwiegend nicht einem demokratischen sondern einem identitren Reflex.

Das Gesprch fhrten Rebecca Arens und Toni Nachbar

Dietrich Schulze-Marmeling, Der Fall zil, Werkstatt Verlag, 14,90 Euro

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