Wirklich? Die Sklaverei wieder einführen?

Ein ungeheuerliches Szenario spielt sich in Paul Beattys Roman „Der Verräter“ in L.A. ab: Die schwarze Hauptfigur wird Sklavenhalter. Anmaßender, überdrehter Humor, der als Weckruf wirken soll.

Genau 22 Wörter braucht Paul Beatty, um klarzumachen, dass „Der Verräter“ kein entspanntes Lesevergnügen für kuschelige Herbsttage ist: „Aus dem Mund eines Schwarzen klingt das sicher unglaublich, aber ich habe nie geklaut“, sagt sein nur mit seinem Nachnamen Me oder dem grenzwertigen Spitznamen Bonbon genannter Protagonist: „Habe nie Steuern hinterzogen oder beim Kartenspiel gemogelt.“

Es folgen die üblichen Alltagsrassismen: Unzuverlässigkeit, fehlender Gemeinsinn, riesiger Penis. Ein Kaltstart, den man als Warnung verstehen könnte. Vor den Ungeheuerlichenkeiten, die einen erwarten, wenn man weiterliest.

Me sitzt im Wartesaal des Supreme Court in Washington. Warum er hier ist? „Euer Ehren, ich plädiere auf menschlich“, sagt er selbst. Die Anklage sieht das anders: Missachtung und grobe Verletzung der 13. und 14. Zusatzartikel. Also der Abschaffung der Sklaverei von 1865 und der folgenden Gleichbehandlungsklausel von 1866.

Spätestens da versteht man, warum eine ganze Reihe britischer und US-amerikanischer Verlage den Roman vor seinem Erscheinen in Orignalsprache 2015 abgelehnt hatten. Sein Inhalt ist toxisch, gesellschaftlich problematisch und streckenweise kaum sagbar. Nicht nur, weil Beatty im Verlauf der 349 Seiten das elende N-Wort konsequent auf -er enden lässt. Sondern weil er in „Der Verräter“ ganz nonchalant die Segregation wieder einführt.

Einziger Überlebender der „kleinen Strolche“

Alles beginnt in einem schwarzen Vorort von Los Angeles. Das fiktive Dickens gilt als die Stadt mit der höchsten Mordrate der Welt, weswegen sich die Bezirksregierung irgendwann dazu entscheidet, die Ortsschilder abzunehmen – und Dickens damit von der Landkarte zu radieren.

An der Situation ändert das natürlich nichts. Gut 50 Jahre nach der Bürgerrechtsbewegung bleiben Gewalt und Elend synonym für schwarze Viertel. Kein Wunder also, dass es keine direkten Auswirkungen hat, als Mes Vater, ein windiger Sozialpsychologe, an einer Straßenkreuzung von Polizeikugeln durchsiebt wird. Me schleift den Toten in dessen Lieblings-Diner. Das Leben geht weiter, muss ja.

Bis Hominy Jenkins sich plötzlich in seinem Schuppen umbringen will. Der alte, von Alzheimer gezeichnete schwarze Mann, der als einziger Überlebender des Casts der von den Zwanzigerjahren bis in Reagans Zeiten das US-Fernsehen bevölkernden Serie „Die kleinen Strolche“ zur einzigen Touristenattraktion von Dickens geworden ist, hat genug vom verbleichenden Ruhm seiner zweifelhaft-treudoofen Nebenrolle.

Als Me ihn unverhofft rettet, hat der Alte nur einen Wunsch: „Peitsch mir mein wertloses schwarzes Leben aus dem Leib“. Was sei er denn schon, fleht er: „Ein Sklave, der zufällig auch Schaupieler ist“. Me überlegt einen Moment – und prügelt schließlich auf ihn ein, bis Blut und Polizisten die Straße zieren.

Das Schlimmste: es funktioniert. Dem versklavten Hominy geht es bald besser und als Me die Segregation zwischen Schwarzen und Weißen ausweitet, beginnt sich auch die Gemeinde zu erholen. Das marode Bildungssystem? Floriert wieder, seit Weiße auf Privat- und Schwarze auf öffentliche Schulen müssen. Die Kriminalität? Nimmt rapide ab.

Ein Roman als Weckruf

Ein ungeheuerliches Szenario, klar. In Beattys 2016 als erstes US-Buch mit dem Man Booker Prize ausgezeichnetem Roman ist diese Handlung allerdings nur eine Rankhilfe, anhand derer sich ein ganzes Dickicht aus kleinen Schockern ausbreiten kann. Beattys Erzählweise ist dabei höchst unzuverlässig, fiebrig und durch einen voraussetzungsreichen pop-philosophischen Jargon chiffriert.

Paul Beatty bei seiner Dankesrede für den Man Booker Prize

Sicher, das mag steckenweise überfordern. Dient aber einem übergeordneten Zweck: Möglichst nachdrücklich mit dem Irrglauben aufzuräumen, mit Barack Obamas Präsidentschaft sei auch das amerikanische Kainsmal des Rassismus verheilt. Denn was fast einstimmig als brillante Satire gefeiert wurde, ist im Kern nichts als ein unerbittliches Abbild einer zunehmend sarkastischeren Realität.

Dazu reicht ein Blick auf die harten Fakten. Segregation in der Schule? 2016 schlossen über 80 Prozent der weißen Kinder in den USA die High School ab. Unter den Schwarzen waren es weniger als 60. Rassentrennung in den Gemeinden? Schwarze zahlen weiterhin vernichtend hohe Versicherungsbeiträge, wenn sie in bestimmten Postleitzahlbereichen wohnen – oft doppelt so viel wie ihre weißen Nachbarn.

Mit „Der Verräter“ hat Beatty nicht nur einen anmaßenden, überdrehten, unerschrockenen Roman geschrieben. Sondern einen Weckruf. Denn wir müssen wohl endlich verstehen, dass wir mitten in einer Gegenwart leben, deren Geschichte jeder vernünftige Verleger ablehnen würde.

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