Hüfners Wochenkommentar: „Der neue Merkantilismus“

Hüfner
analysiert die Merkmale, die mit einem Übergang der US-Ökonomie von neoliberaler
Marktwirtschaft zu Merkantilismus einher gingen. Was US-Aktien auf nähere Sicht
interessant mache, aber auch die Volatilität erhöhen sollte.

 

Vor
Kurzem las ich ein Interview der Financial Times mit dem großen Strategen Henry
Kissinger. Der Reporter versuchte mit allen Mitteln, Kissinger zu einer Aussage
zu Donald Trump zu gewinnen. An sich sollte das nicht allzu schwer sein. Trump
gibt viele Ansatzpunkte, an denen man sich reiben kann. Er ist ein Chaot. Er
stellt die Welt auf den Kopf. Er macht rationales Handeln unmöglich. Kissinger
aber schwieg zu allen Provokationen des Journalisten
beharrlich.

 

Schließlich ließ sich er sich aber doch zu einem
Statement hinreißen. „Ich denke, Trump könnte einer der Persönlichkeiten in der
Geschichte sein, die von Zeit zu Zeit auftauchen, um das Ende einer Ära zu
kennzeichnen und uns zwingen, alte Vorurteile aufzugeben. Das muss nicht heißen,
dass er das weiß oder dass er eine Alternative erwägt. Es könnte sein, dass es
einfach ein Zufall ist.“

 

Das hat mich
nachdenklich gemacht. Könnte es sein, dass hinter den immer neuen und
überraschenden Tweets Methode steckt? Dass sich mit ihnen ein neues Paradigma
der Weltwirtschaft ankündigt? Dafür spricht, dass Trump immer mehr Anhänger in
der Welt findet und dass die bisherige liberale Weltordnung nicht nur in den USA
durchlöchert wird. Wenn das so wäre, dann ist es höchste Zeit, sich darauf
einzustellen.

Absturz des
Welthandels

Wachstumsrate gegenüber Vorjahr
in Prozent, real, gleitende Durchschnitte,

Die Nachkriegszeit stand
– auf einen einfachen Nenner gebracht – im Zeichen der liberalen Marktwirtschaft
und der Globalisierung. Die Trump’sche Welt ist eher die des Merkantilismus. Die
Geistesgeschichte geht 400 Jahre zurück. Sie setzt nicht mehr auf die
„unsichtbare Hand“ des Marktes, sondern auf den Nationalstaat zur Förderung der
Wirtschaft und der Beschäftigung.

Der große Ökonom Walter Eucken hatte
zu Etablierung der liberalen Marktwirtschaft sechs konstituierende Prinzipien
aufgestellt. In Anlehnung daran hier einmal ein paar Prinzipien zur
Charakterisierung des neuen Merkantilismus. Aus Platzgründen skizziere ich nur
jeweils nur ein paar Stichworte. Jedem fallen dazu reichlich Beispiele ein.

Erstens: Nicht offene, sondern geschlossene Grenzen. Mit Zöllen und
Protektionismus sollen Jobs geschaffen werden, mit Mauern soll die Konkurrenz am
Arbeitsmarkt beschränkt werden.

Zweitens: Interventionismus statt freier
Märkte. Wenn sich die Wirtschaft nicht in der Weise entwickelt, wie Trump es
will, zögert er nicht, einzelnen Unternehmen mit der Keule „Staatliche
Eingriffe“ zu drohen. Rechtsstaat ist anders.

Für Anleger

Insgesamt dürften Aktien von dem
merkantilistischen Wirtschaftsmodell trotz des niedrigeren Wachstums
profitieren. Allerdings steigt die Volatilität wegen der schwierigen
Vorhersehbarkeit des Regierungshandelns. Zudem steigen die Wechselkursrisiken
bei grenzüberschreitenden Transaktionen. Im Augenblick gilt das Modell vor allem
in den USA. US-Amerikanische Aktien sind daher interessant. In Zukunft können
aber noch andere Länder dazu kommen (vielleicht Italien, die Niederlande, wenn
Macron scheitern sollte eventuell auch Frankreich).

von Martin
Hüfner
9. August 2018 © Assenagon

Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon. Viele Jahre war er
Chefvolkswirt der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG und Senior Economist der
Deutschen Bank AG. Er leitete fünf Jahre den renommierten Wirtschafts- und
Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung in
Brüssel. Zudem war er über zehn Jahre stellvertretender Vorsitzender
beziehungsweise Vorsitzender des Wirtschafts- und Währungsausschusses des
Bundesverbandes Deutscher Banken und Mitglied des Schattenrates der Europäischen
Zentralbank, den das Handelsblatt und das Wallstreet Journal Europe
organisieren. Dr. Martin W. Hüfner ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem
„Europa – Die Macht von Morgen“ (2006), „Comeback für Deutschland“ (2007),
„Achtung: Geld in Gefahr“ (2008) und „Rettet den Euro!“ (2011).

Dieser
Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von
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