M850i – großer Gleiter mit kleiner Schwäche

Das momentane Topmodell im Hause BMW hört auf den Namen M850i und ist ein richtig feiner Gran Turismo. Und weil er das ist, soll er nicht nur den launigen Gang über die Landstraße können, sondern auch Track. Aber hier hat das Schwergewicht Probleme.

Als „Gentleman Racer“ sieht BMW den neuen M850i, das aktuell potenteste Modell der frisch geschaffenen 8er-Baureihe. Das zweitürige Sportcoupé konkurriert mit dem Bentley Continental GT oder dem Aston Martin DB11, die Einordnung scheint vordergründig also zu passen.

Optisch eine Wucht

Optisch ist der M850i eine Wucht. Er strahlt diese Souveränität aus, die dem 6er rein äußerlich etwas gefehlt hat. Breite Schultern, eine lange Motorhaube mit großem Powerdome und eine gewaltige Niere prägen die Frontansicht, während die Seitenansicht mit einer wundervoll geschwungenen Dachlinie begeistert, die am Heck schließlich in einem vielleicht etwas zu steil aufragenden Entenbürzel mündet. Dem tut auch die Farbe des Testwagens in „Sunset Orange“ und die wuchtigen schwarzen 20-Zöller keine Abbruch. Das Carbon Exterieurpaket und das Kohlefaser-Dach passen optisch hervorragend zum Gesamtpaket, sind aber mit 4100 beziehungsweise 3000 Euro auch ordentlich eingepreist.

Der gute erste Eindruck, den das Exterieur-Design schafft, setzt sich im Innenraum fort. Die Anordnung von Mittelkonsole und Instrumententräger bleibt zwar typisch BMW, ist aber in wesentlichen Punkten aufgefrischt worden. Besonderes Highlight: Einige Bedienelemente wie der iDrive-Controller, der Start-Stop-Knopf, der Lautstärkeregler und sogar der Gangwahlhebel sind optional aus diamantgeschliffenem Glas, wie man es bereits aus dem neuen BMW X5 kennt. Auch die Sitzposition ist gut gelungen: sportwagentypisch angenehm tief und mit ordentlichem Seitenhalt dank variabler Wangen.

Innenleben aus X5 und X7

Das Innenleben ist schick und neu und findet so auch seine Verwendung im X5 und im X7.

Das Innenleben ist schick und neu und findet so auch seine Verwendung im X5 und im X7.

Doch BMW hat nicht nur bei der optischen Auslegung des Interieurs nachgewürzt. Auch in Sachen Assistenten, Infotainment und Vernetzung macht der 8er einen Schritt nach vorne. Und so ist die Aufpreisliste für die Fahrhilfen lang: Die aktive Geschwindigkeitsregelung mit Stop & Go-Funktion, der Lenk- und Spurführungsassistent, stehen Kunden ebenso zur Verfügung, wie der Spurhalteassistent mit Seitenkollisionsschutz und Ausweichhilfe.

Auch das 12,3 Zoll große Tachodisplay, dessen Anzeigen sich frei konfigurieren lassen, ist eine Übernahme aus den SUV X5 und X7. Abzüge gibt es in der 8 allerdings für die leicht fummelige Bedienung über Lenkradknopf und Blinkerhebel. Der Infotainment-Bildschirm ist mit 10,25 zwar etwas kleiner als die Tachoeinheit, besticht aber mit einer scharfen Auflösung und der gewohnt einfachen Bedienung über den iDrive-Controller. Die zusätzliche Auslegung als Touchscreen scheint mittlerweile irgendwie dazuzugehören, die Bedienung per Rad auf der Mittelkonsole gestaltet sich aber deutlich einfacher als mit den Fingern auf dem Display. Und hässliche Abdrücke gibt es so auch keine.

Doch genug über Bildschirme und Assistenten geredet. Schließlich stellt BMW den M850i nicht umsonst auf der kurvigen Berg-und-Tal-Bahn im portugiesischen Estoril vor. Bevor es auf die Rennstrecke geht, ein kleiner Faktencheck: Der M850i ist mit einem neuen 4,4-Liter-V8 gesegnet, der es dank Turboaufladung auf 530 PS bringt. Das maximale Drehmoment beträgt 750 Newtonmeter und liegt bereits ab 1800 Umdrehungen pro Minute an. Verteilt wird die Kraft über einen Allradantrieb an alle vier Ecken des 8ers, wo sich Sportreifen in 245er- vorn und 275er-Pneus am Heck in den Asphalt krallen. Auch die Achtgang-Automatik macht eine gute Figur und passt sowohl von der Spreizung als auch von den Schaltzeiten hervorragend zum Achtzylinder.

Auf der Landstraße kann der M850i vor allem mit seinem GT-Qualitäten punkten. Der Komfort ist hoch, selbst auf schlechten Wegen. Zudem versprüht das Triebwerk dank wuchtigen Drehmoments eine wunderbar unaufgeregte Souveränität in niedrigen Drehzahlbereichen. Aber der 8er kann auch anders. Schaltet man alle Systeme über den Sport-Plus-Modus scharf und aktiviert das DTC-Programm der Traktionskontrolle, wird der M850i deutlich agiler, als man es ihm aufgrund seiner ausladenden Proportionen und dem Leergewicht von knapp unter zwei Tonnen zugetraut hätte. Aber der M850i taugt natürlich auch für den Rundkurs. In 3,7 Sekunden geht es aus dem Stand auf Tempo 100, vor der ersten Kurve nach der langen Geraden staucht die optionale M-Sportbremsanlage den 8er zusammen. Auch nach mehreren Runden bleiben die Stopper zuverlässig und der Druckpunkt im Pedal unverändert.

Vom Einlenk- über den Scheitel- bis zum Auslenkpunkt offenbaren sich dann aber die ersten wirklichen Schwächen des M850i: die eher gefühllose Lenkung, der schlicht die Rückmeldung fehlt und das hohe Gewicht. Während man sich an die Lenkung gewöhnen kann, fordern die knapp zwei Tonnen des 8ers Runde um Runde ihren Tribut. Zwar ist die generelle Balance des Chassis und die Abstimmung des adaptiven Fahrwerks ausgesprochen gut, die Masse schiebt das Coupé aber vor allem über die Vorderachse. Die hat aber bereits wegen der schmalen Reifen konzeptbedingt schon mehr zu kämpfen. Und dass, obwohl der große V8 vor dem Fahrer sitzt und auf die 245er-Pneus drückt. Etwas verteilen lässt sich das Ungleichgewicht mit aktivierter Traktionskontrolle, die leichte Allraddrifts zulässt und so etwas der Belastung von der Vorderachse nimmt. Im Standardmodus ist das ESP besonders auf der feuchten Fahrbahn viel zu restriktiv, was wohl dem Sicherheitsgedanken geschuldet ist.

Zurück von der Hotlap kann man dem M850i seinen propagierten Status als „Gentlemans Racer“ definitiv zugestehen. Ernsthaft auf die Rennstrecke wird ohnehin kein Kunde mit dem Coupé gehen, das hat der 8er mit Continental GT und DB11 gemeinsam. Außerdem schiebt BMW ja 2019 auch noch den M8 nach, der auf dem Rundkurs eine bessere Figur machen dürfte, dient er doch sogar als Basis für den aktuellen Le-Mans-Renner aus München. Die absolute Stärke des M850i liegt in seiner GT-Haftigkeit und dem tollen Klang. Zwei Zutaten für einen schönen Roadtrip.

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